Stellungnahmen

Jane Goodall

"Erst sind es wenige, dann einige Tausend, dann Millionen und stellt Euch vor, alle Menschen würden von jetzt an ihr Verhalten ändern und sich darauf konzentrieren, nicht nur das eigene Leben zu schützen, sondern das auch anderer Lebewesen, dann würde sich die Welt binnen 24 Stunden komplett ändern. So könnten wir theoretisch in wenigen Stunden die Welt in ein paradiesisches Zeitalter führen."
Es sind viele kleine Schritte. Aber wir alle sollten sie gehen.

Volker Sommer

hat an der Universität London den Lehrstuhl für Evolutionäre Anthropologie inne.
Affen sind den Menschen nahe, aber die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma:
Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet.

Affen gehören in die Familie der Menschen oder Menschen in die Familie der Affen. Was bedeutet das für uns – und was für sie?

Von Volker Sommer

Wahre Goldgruben sind die Kothaufen. Und sie rennen nicht weg. Denn das tun die Produzenten der geruchsmächtigen Hinterlassenschaften leider zu oft. Obwohl wir ihnen seit vier Jahren durchs Unterholz nachsteigen. Als Nestbeschmutzer können sie jedenfalls nicht gelten. Bei der Morgentoilette recken sie den Allerwertesten säuberlich über den Rand des Schlafnests. Bis die Mitglieder der Gashaka-Kommunität ihre Geschäfte ungerührt vor unseren Augen verrichten werden, mag durchaus ein Jahrzehnt vergehen. So lange dauerte es andernorts in Afrika, bis wilde Schimpansen sich an neugierige Primatologen gewöhnt hatten.

Doch selbst an dem verlassenen Schlafplatz im Gashaka-Gumti-Nationalpark in Nigeria haben wir alle Hände voll zu tun. Beispielsweise wüssten wir gerne, ob auch «unsere» Schimpansen Schlankaffen, Schweine oder Waldantilopen jagen. Mein britischer Doktorand Andrew Fowler durchstochert die Exkremente nach Knochenresten. Wieder Fehlanzeige. Sind die nigerianischen Schimpansen zu faul zum Beutemachen? Oder zu dumm? Gibt es genügend andere Nahrung?

Unser einheimischer Feldassistent Hammounde hält sich naserümpfend fern. Der Kot stinkt, denn Schimpansen sind wie Menschen Allesesser. Hammounde untersucht lieber die Nester. Welche Baumart wurde gewählt? Wie wurden Äste und Blätter verwoben? Wir wollen herausfinden, ob die Schimpansen ortstypisch bauen, ob sie lokale Architekturen entwickelten. Und warum überhaupt bauen Schimpansen Nester? Brauchen sie schlicht bequeme Nachtruhe, um ihr beträchtliches Gehirn zu regenerieren?

Andrew gibt die Fäkalien in eine Tüte, um sie im Camp in flüssigen Stickstoff einzulagern. Es grenzt an Zauberei, was Labors da an Information herausholen werden. Die DNS ausgeschiedener Darmzellen erlaubt beispielsweise, das Geschlecht zu bestimmen und damit, ob Männchen Nester anders bauen als Weibchen. Ausserdem lässt sich der Kot als Speisezettel lesen, weil jede verzehrte Pflanzenart ein unverwechselbares Profil ungesättigter Fettsäuren hinterlässt. Durch unsere Detektivarbeit wollen wir aber nicht nur mehr über Schimpansen lernen, sondern auch mehr über unsere eigene Herkunft. Denn wie wir wurden, was wir sind: In der Hinsicht halten uns Affen den Spiegel vor. Es diente unserer Selbsterkenntnis ungemein, dass Charles Darwin 1871 behauptete, der Mensch stamme vom Affen ab. Damit stellte er jenes Schema auf den Kopf, wonach der von Gott engelgleich erschaffene Mensch durch die Sünde zu Fall kam. Darwin kehrte den «Abstieg von den Engeln» um in einen «Aufstieg von den Affen», machte aus einer eher schmeichelhaften «Devolution» eine ernüchternde «Evolution».

Noch immer fühlen sich Menschen hierdurch in ihrer Würde verletzt, sehen sie Affen doch als Karikaturen, als unvollkommene Entwürfe für die Krone der Schöpfung. Und Geisteswissenschafter postulieren noch immer dogmatisch einen unüberbrückbaren Graben zwischen «dem Tier» und «dem Menschen». Dabei kann es so faszinierend sein, sich dem Evolutionsgedanken radikal zu öffnen, sich als lediglich eine besondere Art von Tier zu begreifen. Für mich ist es nicht erniedrigend, sondern erhebend, mit allen anderen Lebensformen verbunden zu sein durch einen äonenalten Strom von Generationen. Ich gehöre zu jenen Anthropologen, die den Menschen im Tier ebenso eifrig suchen – also anthropomorphisieren – wie das Tier im Menschen – also zoomorphisieren.

Als Jane Goodall vor mehr als vierzig Jahren ihre bahnbrechenden Beobachtungen an wilden Schimpansen in Tansania begann, wurde ihr vorgeworfen, nicht objektiv zu sein. Denn statt Nummern gab sie ihnen Namen, David Greybeard etwa oder Hugo. Durchaus nicht unangemessen für Wesen, die Werkzeuge herstellen, Kriege mit Nachbarn führen, sich in Menschenobhut verständigen mit Hunderten von Handzeichen oder einer Computertastatur. Weil wir inzwischen so viel gelernt haben über das, was Menschenaffen können, hielt ich es für angemessen, die Goodall-Tradition umzudrehen: Mein Sohn Kalind ist nach einem Menschenaffen benannt.

Affen sind den Menschen nahe, aber die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma:
Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet.
Sie gelten jedoch zugleich als hinreichend verschieden von uns, so dass ihnen keine Rechte zustehen. Den Graben zwischen uns und ihnen schüttet aber nicht nur die Verhaltensforschung rasant zu, sondern auch die moderne Genetik. Wie wir in Nigeria sammeln Primatologen vielerorts Haare oder Darmzellen, aus denen sich molekularbiologische Marker extrahieren lassen. Und was sich da an Einsicht zusammenbraut, revolutioniert unser Weltbild.

Demnach ist es wissenschaftlich unhaltbar, überhaupt zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden. Vielmehr belegen Vergleiche von Proteinen, Chromosomen und Genen, dass sich von der gemeinsamen Urform zunächst die Orang-Utans abspalteten, vor 12 bis 13 Millionen Jahren, bevor die Gorillas, vor 7 bis 8 Millionen Jahren, einen eigenen Weg einschlugen. Die Stammform von Menschen und Schimpansen spaltete sich hingegen erst vor 5 bis 6 Millionen Jahren auf. Die Schimpansen teilten sich vor 2 Millionen Jahren nochmals in die Formenkreise Schimpanse (Pan troglodytes) und Bonobo (Pan paniscus) .

Somit stehen Schimpansen den Menschen näher als den Gorillas! Durchaus angebracht also wäre es, Menschen als «dritte Schimpansen» zu begreifen. Manche Molekularbiologen fordern sogar radikalere Umbenennungen. Schon seit gut zwei Jahrzehnten gilt das Erbgut von Schimpanse und Mensch als zu 98 bis 99 Prozent identisch. Laut einer Arbeit, die in diesem Juni von einem Forschungsteam um Morris Goodman publiziert wurde, stimmen bestimmte Gensequenzen zu 99,4 Prozent überein. Goodman plädiert deshalb dafür, Schimpansen und Bonobos endlich in die ausschliesslich für Menschen reservierte Gattung Homo aufzunehmen. In der Tat: Selbst der begnadetste Haarspalter muss bei 0,6 Prozent Unterschied einfach aufgeben, soll das System zoologischer Klassifikationen nicht ad absurdum geführt werden.

Zooschilder auf «Homo troglodytes» und «Homo paniscus» ändern zu müssen, würde bloss unseren Stolz verletzen. Wenn Schimpansen und Bonobos jedoch zur Gattung Mensch zählen – macht sich Homo sapiens dann nicht des Genozids schuldig? Und müssten wir unseren Mit-Menschen nicht Menschenrechte zugestehen? Genau das fordert der australische Philosoph Peter Singer seit 1993 für die grossen Menschenaffen, unterstützt von namhaften Primatologen wie Jane Goodall, Biruté Galdikas, Roger Fouts, Toshisada Nishida und Takayoshi Kano. Sie alle halten Menschenaffen für Personen und wenden sich gegen die Zerstörung ihrer natürlichen Heimaten, ihre Tötung bei der Jagd und ihre Verwendung in biomedizinischen Labors.

Extrembeispiele: In den USA werden Schimpansen mit Hepatitis oder Aids infiziert; sie sterben qualvoll oder siechen über Jahrzehnte in Einzelhaft dahin. Andere Eingriffe sehen vor, ihnen die Bandscheiben zu entfernen, worauf die Wirbel zusammenwachsen und sie zu Krüppeln werden. Wer kann solche Grausamkeit rechtfertigen, wenn handfeste Forschung nahelegt, was dem Gemeinsinn ohnehin klar ist: dass Affen ähnlich wie wir denken und fühlen und somit leiden können? Menschen derart zu missbrauchen, verbietet sich von selbst. Und genau dieses Selbstverständnis sollte auch auf unsere Mitprimaten zutreffen.

Viele Affenforscher sehen das anders. Man könne Menschenaffen keine Rechte zubilligen, da sie keine Pflichten übernähmen und wir sie nicht fragen könnten, ob sie überhaupt zur Gemeinschaft der Gleichen zählen wollten. Dies sind jedoch schwache Argumente; folgt man ihnen, müssten pflicht- und sprachlose Menschen ebenfalls von Grundrechten ausgeschlossen werden – Säuglinge etwa, geistig Behinderte oder Kranke im Koma. Deren Interessen aber werden vertreten von Verwandten oder Richtern; eine ähnliche Vormundsrolle käme Fürsprechern für Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos zu. Anderen gehen die Forderungen nicht weit genug: Warum sollen Paviane oder Rhesusaffen ausgeschlossen werden? Und was ist mit hochintelligenten Walen, Elefanten oder Papageien?

Zudem: Müssen Menschenaffen bestraft werden, wenn sie Konkurrenten oder Babies umbringen? Was etwa soll mit jenem Schimpansen geschehen, der letztes Jahr der Frau eines tansanischen Wildhüters das Kind aus dem Wickeltuch raubte und teilweise aufass?

Derlei Fragen lassen sich in Ruhe gar nicht mehr überlegen – bald wird es kaum noch wilde Menschenaffen geben. In nur 23 Ländern und zunehmend aufgesplitterten Populationen überleben vielleicht noch 250 000, gerade zwei Drittel der Einwohnerzahl von Zürich. Ihr Lebensraum wird flächendeckend zerstört, nicht zuletzt wegen unserer Konsumbedürfnisse. Im Kongobecken sägt die Firma Danzer aus Pforzheim Edelhölzer um; die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit öffnete im Osten des Kongo durch Strassenbau einen Nationalpark für illegale Siedler; um das Entlausungsmittel «Goldgeist» aus der Pyrethrum-Blume zu gewinnen, wurde der Virunga-Park in Rwanda dezimiert; Bürgerkriege und Flüchtlingsströme berauben die Affen ihrer Existenzgrundlage.

Selbst wir, die wir mit unserer Forschung im afrikanischen Busch praktischen Naturschutz betreiben, indem wir Wilderer abschrecken, Einheimischen Arbeit verschaffen, den Tourismus ankurbeln – selbst wir entgehen schuldhafter Verstrickung nicht. So lebten im kongolesischen Kahuzi-Biega-Park noch vor vier Jahren Tausende von Gorillas; praktisch alle wurden massakriert und aufgefressen von jenen, die dort illegal nach Coltran graben. Dieses Erz wird in Mobiltelefonen verwendet – auch in der Satellitenanlage, die unsere Feldstation mit der Aussenwelt verbindet. Ölmultis rotteten Schimpansen im weiten Nigerdelta aus – was uns Treibstoff für Geländefahrzeuge beschert. Und das Palmöl, mit dem wir im Camp Zwiebeln schmoren, stammt aus Plantagen, für die Urwälder gerodet wurden.

Es ist wahrlich eine Affenschande, dass Milliarden von Dollars ausgegeben werden, um auf dem Mars nach einem Fünkchen Leben zu suchen, während wir praktisch tatenlos zusehen, wie unsere Blutsverwandten vom Antlitz der Erde getilgt werden. Und das gerade jetzt, wo Forschungen in Labor und Wildnis gleichermassen suggerieren, dass unsere haarigen Cousins eigentlich unsere haarigen Geschwister sind.

Den Mythos vom Menschen als einzigem Kulturwesen haben Schimpansen jedenfalls entzaubert. Wie Kollegen andernorts fertigen auch unsere nigerianischen Menschenaffen ein Arsenal an Werkzeugen. Sie schälen die elastischen Mittelrippen aus grossen Blättern, um Ameisen oder Termiten aus ihren Bauten zu angeln. Die Enden kurzer Stöckchen zerkauen sie zu Bürsten, was die Oberfläche vergrössert und mehr Insekten zum Anbeissen veranlasst. Mit langen Ästen fangen sie wild beissende Treiberameisen aus sicherer Distanz. Im Kot finden wir zuweilen unverdaute Blätter, an denen Würmer hängen. Die rauhen Spreiten wurden sorgsam gefaltet und unzerkaut geschluckt – ein starker Beleg für die erst kürzlich entdeckte Fähigkeit der Menschenaffen zur Selbstmedikation. Der Disziplin der Ethnobotanik tritt jene der Zoopharmakologie zur Seite.

Unser Projekt widmet sich den erst kürzlich als Unterart anerkannten nigerianischen Schimpansen, was wertvolle Vergleiche mit anderen Bevölkerungen ermöglicht. Denn es scheint, dass jede Schimpansengemeinschaft über ein unverwechselbares Repertoire an Gewohnheiten verfügt. Interessant sind vor allem jene, die nicht auf Umwelteinflüsse zurückgehen. In manchen Gegenden, aber eben nicht allerorten, fassen sich Schimpansen bei der gegenseitigen Fellpflege an den hochgereckten Händen, oder sie betupfen Wunden mit Blättern, kratzen sich mit Steinen oder Ästen und springen bei beginnendem Regen erregt herum. Über Arme, Blätter, Steinchen oder Beine zum «Regentanz» verfügen Schimpansen aber überall. Mithin wurden diese Traditionen örtlich entwickelt und sozial weitergegeben: ein kultureller Transfer.

Ein anderes Beispiel: In Westafrika werden hartschalige Nüsse unter Einsatz von Hämmern und Ambossen aus Stein oder Holz geknackt. Das Schweizer Forscherpaar Christophe und Hedwig Boesch dokumentierte, dass die nur spärlich vorkommenden Hämmer manchmal über einen halben Kilometer zu den Bäumen geschleppt werden, unter denen dann regelrechte Nussschmieden entstehen. Ostafrikanische Schimpansen hingegen zerschlagen keine Nüsse; ihre Populationen brachten offenbar keine genialen «Knacker» hervor.

Wie wir bei Menschen von einem japanischen oder französischen Kulturkreis sprechen, erlauben die äffischen Brauchtumsprofile den Primatologen, Schimpansen etwa der ostafrikanischen Gombe-Kultur oder der westafrikanischen Taï-Kultur zuzuordnen. Dies bedeutet übrigens, dass der gegenwärtige Holocaust an Menschenaffen nicht nur die Biodiversität des Planeten verarmen lässt, sondern auch seine kulturelle Vielfalt.

Mit jedem weiteren Forschungstag mausert sich die Schimpansenforschung mehr zur Völkerkunde, ergänzt sich die Anthropologie durch Panthropologie. Damit ist eine paradoxe Situation enstanden. Während die Liste von Gemeinsamkeiten wächst, verkürzt sich die der Verschiedenheiten. Und dennoch: Obwohl ich das Etikett Affenmensch durchaus nicht als ehrenrührig empfinde, wird mich kaum jemand mit einem Schimpansen verwechseln. Zumal mir die Zunge aus dem Hals hängt beim Versuch, ein Kliff zu bezwingen, das die Schimpansen soeben spielerisch erklettert haben. Der ach so kleine Unterschied von 0,6 Prozent muss es in sich haben. Einerseits könnte es sein, dass selbst identische Gensequenzen ganz verschiedene Regulationen auslösen. Andererseits wurden bisher nur Gene untersucht, deren Funktion bekannt ist. Doch die Bauanleitung dafür, dass Schimpansen sechsmal stärker sind als ich, steckt vielleicht in der beträchtlichen «Müll-DNS», die noch kaum erforscht ist. Auf jeden Fall verlangen Molekularbiologen wie der Schweizer Pascal Gagneux in Verlängerung des Human Genome Project ein Great Ape Genome Project, das die Erbanlagen von Menschenaffen komplett entschlüsseln soll.

Dafür brauchten wir Körbe voll Kot aus aller Herrentiere Ländern. In der breitgefächerten Artenvielfalt, die wir benötigten, um ihre polygenetischen und multikulturellen Dimensionen wirklich zu verstehen, werden unsere nächsten Verwandten allerdings kaum überleben. Deshalb flüchte ich gern in evolutionsbiologischen Fatalismus. Demnach gibt es kaum einen rationalen Grund, das Artensterben zu bedauern. Ich kann mich auf keine gottgegebene Ordnung berufen, nach der es auf Erden maximal sechs Milliarden Menschen geben soll und dafür mehr Menschenaffen. Und wieso sollten Schimpansen ein höheres Existenzrecht haben als Kühe? Wieso sollen Menschen nicht den ganzen Planeten ummodeln? Schliesslich ist unsere Konkurrenzstärke ebenfalls ein Produkt der Evolution.

Sosehr mich dies intellektuell überzeugt, mein ästhetisches Lebensgefühl rebelliert dagegen. Weil ich mehr möchte als nur Menschen und Maiskolben. Ich will Vielfalt, wie ich sie in den Wäldern Gashakas finde. Da die einheimischen Muslime kein Affenfleisch essen und der Nationalpark so abgelegen ist, tummeln sich hier noch Tausende von Primaten. Allerorten bellt Gogo, wie der Grüne Pavian auf Hausa heisst, lugt Bakinbiri aus dem Laub, die Weissnasenmeerkatze, tönt der Gonglaut von Gimchiki, der seltenen Mona-Meerkatze, wuselt Kirikaa, die Grüne Meerkatze, und singt Biri mai roro – «der Affe, der ruft», wie der schwarzweisse Guereza wegen seiner Morgenchöre genannt wird.

Ganz ungeniert anthropozentrisch schlägt mein Herz allerdings besonders für Biri mai ganga, die Affen mit der Trommel. Mit Händen und Füssen hämmern sie Staccatos auf die Flügelwurzeln mächtiger Urwaldbäume – um ihren Status anzuzeigen und mit anderen Grüppchen zu kommunizieren. Welche Geheimnisse mögen die Schimpansen sich wohl per Buschtrommel mitteilen?

Ich bin dankbar für das Privileg, einem solch paradiesischen Pandämonium beizuwohnen. Ach ja, beinahe hätte ich vergessen: Ab jetzt heisst es natürlich Homodämonium.

Volker Sommer hat an der Universität London den Lehrstuhl für Evolutionäre Anthropologie inne. Seit Jahrzehnten erforscht er wilde Primaten, vor allem indische Tempelaffen, Gibbons im Regenwald Thailands und die Schimpansen Nigerias. Er ist Autor mehrerer Sachbücher, unter anderen «Von Menschen und anderen Tieren» (Hirzel, 2000).

Prof. Dr. Hanno Würbel

tierrechte 3.07 - Nr. 41, August 2007
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Interview mit Prof. Dr. Hanno Würbel von Marion Selig
Der Leiter der Professur für Tierschutz und Ethologie am Fachbereich Tiermedizin der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Prof. Dr. Hanno Würbel, spricht deutliche Worte, wenn es um das Wohlergehen von Tieren im Zoo geht. So hält er eine 'Null-Toleranz' für haltungsbedingte Störungen des Verhaltens von 'Zootieren' für notwendig. tierrechte sprach mit dem Experten für Verhaltenskunde.

TIERRECHTE: Herr Prof. Würbel, Zoos haben sich im Laufe der Zeit verändert. Vom bloßen Zurschaustellen im Käfig geht der Trend dahin, den Tieren größere Gehege anzubieten. Geht es den Tieren darin automatisch besser?

HANNO WÜRBEL: Ja, wenn auch nicht automatisch. Platz allein garantiert noch kein Wohlergehen, dazu braucht es zusätzlich artspezifische Reize und Strukturen. In den meisten Zoos ging diese Entwicklung jedoch Hand in Hand, und reizarme, unstrukturierte Gehege werden glücklicherweise zunehmend seltener. Diese Veränderung beruht allerdings teilweise auf einer veränderten Inszenierung der Tiere. Man will Tiere in natürlichen Lebensräumen zeigen, um den veränderten Zuschauer-Erwartungen gerecht zu werden. Natürlich aussehende Gehege müssen allerdings nicht notwendigerweise tiergerecht sein, und die Illusion natürlicher Lebensräume kann Probleme kaschieren.
TIERRECHTE: Bei welchen Tierarten sehen Sie besondere Probleme?

HANNO WÜRBEL: Probleme sehe ich in erster Linie bei einigen großen Raubtieren, bei Elefanten und bei Menschenaffen. Das natürliche Nahrungssuch- und Beutegreifverhalten von Raubtieren wird im Zoo nicht oder nur sehr eingeschränkt ermöglicht. Aus Frustration und Langeweile entwickeln diese Tiere oft Verhaltensstörungen, insbesondere Stereotypien, also sich ständig wiederholende Verhaltensmuster ohne erkennbaren Zweck. Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen der Größe des natürlichen Reviers und der Schwere dieses Problems. Eisbären, mit den größten Revieren aller Raubtiere, neigen in Zoos auch am stärksten zu Stereotypien. Offenbar kann man diesen Tieren im Zoo nur sehr schlecht gerecht werden, wobei dies nicht in erster Linie am mangelnden Platzangebot liegt, sondern an den fehlenden Herausforderungen, die mit Beutezügen in freier Wildbahn verbunden sind.
TIERRECHTE: Welche Schwierigkeiten treten bei Elefanten und Menschenaffen auf?

HANNO WÜRBEL: Bei Elefanten überwiegen soziale Probleme, da es oft schwierig ist, langfristig stabile soziale Gruppen zu bilden und aufrechtzuerhalten, was zu sozialem Stress führen kann. Zudem werden Weibchen oft zu früh in die Nachzucht eingebunden, was mit Problemen im mütterlichen Verhalten und dadurch mit erhöhter Jungensterblichkeit verbunden ist. Eine beeinträchtigte Sozialisierung durch mangelhaftes mütterliches Verhalten und instabile soziale Gruppen kann später zusätzlich zu sozialen Spannungen sowie Verhaltensstörungen führen. Den sozial und kognitiv sehr hoch entwickelten Menschenaffen ist in Gefangenschaft grundsätzlich kaum gerecht zu werden. Insbesondere bei diesen Tieren stellt sich zunehmend die Frage, ob wir es ethisch überhaupt noch vertreten können, sie zum Zweck der Zurschaustellung zu instrumentalisieren. Doch auch bei manchen Vogelarten in ihren doch meist sehr begrenzten Volieren habe ich ein ungutes Gefühl. Allerdings liegen hierzu leider kaum gute Untersuchungen zu den Auswirkungen auf das Wohlergehen vor.
TIERRECHTE: Wie beurteilen Sie das Argument, dass Zoos zum Erhalt bedrohter Arten beitragen?

HANNO WÜRBEL: Das ist schwer zu beurteilen. Zoos bemühen sich zumindest, zum Arterhalt beizutragen, und es gibt ja auch Beispiele geglückter Wiederansiedlungen. Heute setzt sich jedoch zunehmend die Einsicht durch, dass der Erhalt bedrohter Tierarten hauptsächlich über den Schutz der natürlichen Lebensräume vor Ort zu gewährleisten ist. Somit wird sich dieser Beitrag in Zukunft wohl eher noch verringern.
TIERRECHTE: Immer wieder kommt es vor, dass im Zoo gehaltene Tiere ihren Nachwuchs verstoßen. Vonseiten der Zoos wird dies zum Teil als natürliche Verhaltensweise angesehen und mit dem Verhalten in Freiheit gleichgesetzt. Stimmen Sie dem zu?

HANNO WÜRBEL: Dass Neugeborene verstoßen werden, kommt in der Natur durchaus vor. Unter Gefangenschaftsbedingungen kommt es jedoch häufiger vor. Zudem stellt sich nur unter Gefangenschaftsbedingungen die ethische Frage, was mit den verstoßenen Tieren weiter geschehen soll.
TIERRECHTE: Und wie beurteilen Sie sogenannte Handaufzuchten von Jungtieren?

HANNO WÜRBEL: Handaufzuchten stehe ich grundsätzlich kritisch gegenüber. Von verschiedenen Tierarten ist bekannt, dass Handaufzuchten mit einem erhöhten Risiko für spätere Verhaltensstörungen und Probleme bei der Gruppenhaltung verbunden sind. Das bedeutet nicht, dass alle handaufgezogenen Tiere verhaltensgestört enden. Doch allein aufgrund des erhöhten Risikos muss zumindest ein erheblicher übergeordneter Nutzen vorliegen, um Handaufzuchten zu rechtfertigen, beispielsweise wenn es sich um ein im Rahmen eines Artenschutzprogrammes wichtiges Nachzuchttier handelt.
TIERRECHTE: Was passiert mit im Zoo geborenen Tieren nicht bedrohter Arten, wenn für diese Tiere dort kein Platz mehr ist?

HANNO WÜRBEL: Man versucht, die Tiere anderswo zu platzieren, oder sie werden getötet. Man muss sich bewusst sein, dass das Züchten von Tieren auch mit dem Töten von Tieren verbunden ist, da sich in den wenigsten Fällen genau so viele Tiere züchten lassen, wie auch gehalten werden können. Bei fachgerechter Tötung ist dies aus meiner Sicht allerdings kein erhebliches Tierschutzproblem. Das Töten von Tieren wird ja von unserer Gesellschaft für weit trivialere Bedürfnisse toleriert. Den Zoos ist das Thema allerdings unangenehm, da es das gern benutzte Bild der Arche Noah beeinträchtigt. Genau solche Themen müssen jedoch meiner Meinung nach von den Zoos aktiver thematisiert werden, nicht zuletzt im Rahmen ihres eigenen Bildungsauftrags.
TIERRECHTE: Ist ein Zurschaustellen von Tieren - um was es sich auch bei großzügiger angelegten Zoos letztendlich handelt - heute noch zeitgemäß?

HANNO WÜRBEL: Darüber kann man sich streiten. Aufgrund der zunehmenden Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Tierschutzbelange ist dies bei einigen Tierarten, wie beispielsweise Menschenaffen, zumindest fraglich. Vor allem aber kann das Zurschaustellen von Tieren heute nur noch dann gerechtfertigt werden, wenn die Tiere auch tatsächlich verhaltensgerecht untergebracht und artgemäß ernährt und gepflegt werden. Insofern müssten Zoos noch viel weiter über die Mindestanforderungen an die Käfighaltung hinausgehen, und bezüglich haltungsbedingter Verhaltensstörungen, wie beispielsweise Stereotypien, sollte sich ganz klar eine Null-Toleranz-Haltung durchsetzen.
TIERRECHTE: Nach eigenen Aussagen wollen Zoos auch zu einem besseren Verständnis für Tiere beitragen und Möglichkeiten bieten, Tiere hautnah zu erleben. Doch braucht es den Zoo dafür wirklich oder geht dies auch anders?

HANNO WÜRBEL: Natürlich geht dies auch anders, und insbesondere das Fernsehen mit immer besseren Tierdokumentationen auf immer größeren Bildschirmen ist da natürlich eine ernsthafte Konkurrenz. Allerdings ist es schon so, dass nichts über den direkten Kontakt geht, wo auch Gerüche und Geräusche zum Tragen kommen und wo man da hinschauen kann, wo man selbst will. Ob es dafür jedoch in jedem Zoo die schwer zu haltenden Exoten wie Eisbären, Elefanten und Menschenaffen braucht, ist fraglich. Stadtzoos könnten heutzutage gut auch Hausrinder oder Hausschweine unter naturnahen Bedingungen oder sogar in einem landwirtschaftlichen Rahmen ausstellen, was ja heute kaum noch ein Stadtkind je zu Gesicht bekommt. Ich habe auch schon Zoos gesehen, in denen Ratten ausgestellt waren in Bühnenbildern verlassener Wohnküchen mit Speiseresten und Küchenabfällen. Auch so was kann ein Renner sein und trägt vermutlich mehr zu einem besseren Tierverständnis bei, zumal es sich dabei um Tiere aus unserer Umwelt handelt, von denen wir mitunter nur sehr eingeschränkte Bilder haben.
TIERRECHTE: Welche Bedeutung messen Sie heute Zoos hinsichtlich Bildung und Erholung zu?

HANNO WÜRBEL: Zoos sind sicherlich immer noch sehr beliebte Freizeitinstitutionen, insbesondere für Familien mit kleinen Kindern. Auf dem typischen Familiengang durch den Zoo kommt der Bildung allerdings ein eher beschränkter Stellenwert zu. Knöpfe, die man drücken kann, um bestimmte Tierstimmen zu hören und Schautafeln, auf denen die Maximalgeschwindigkeiten von Schildkröte, Strauß und Gepard vergleichend dargestellt sind, sind diesbezüglich aber auch eher fragwürdig.
TIERRECHTE: Haben Sie Vorschläge für oder Forderungen an die Zoos?

HANNO WÜRBEL: Einige habe ich bereits angesprochen. Auf schwer zu haltende Tierarten eher verzichten, dafür zum Beispiel sogenannte 'Schädlinge' wie Mäuse oder Ratten in natürlichen oder auch anthropogenen Lebensräumen wie Kanalisationssystemen oder Vorratskammern zeigen. Ebenso Haustiere wie Rind oder Schwein oder auch Hunde und Katzen in naturnahen oder auch landwirtschaftlichen Lebenssituationen ausstellen. Weiterhin könnte der Bildungsanspruch vermutlich besser eingelöst werden, wenn statt der heute üblichen Illusion natürlicher Lebensräume vermehrt künstlich anmutende, dafür wirklich tiergerechte Formen des Reizangebots und der Gehegestrukturierung eingesetzt würden. Diesbezüglich sind landwirtschaftliche Tierhaltungssysteme viel innovativer. Damit ließen sich die artspezifischen Ansprüche von Tieren an ihre Umwelt auch viel besser veranschaulichen. Schließlich muss neben dem zunehmend weniger bedeutenden Artenschutz endlich auch der Tierschutz ein Thema werden. Und zwar nicht nur, indem man ihm Genüge tut, sondern indem Tierschutzprobleme bei der Tierhaltung thematisiert und sichtbar gemacht werden. Auch dies wäre ein ernsthafter Beitrag zum Bildungsanspruch der Zoos.
TIERRECHTE: Herr Prof. Würbel, vielen Dank für das Interview.
Quelle:
tierrechte - Nr. 41/August 2007, S. 8-9
Infodienst der Menschen für Tierrechte -
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Roermonder Straße 4a, 52072 Aachen
Telefon: 0241/15 72 14, Fax: 0241/15 56 42
E-Mail: info@tierrechte.de
Internet: www.tierrechte.de

"Machet sie euch untertan und herrschet...“

Der folgende Text ist eine Kurzfassung des Vortrages, den Colin Goldner auf dem „Tierbefreiungskongreß 2009“ (27.-30.8.09) auf Burg Lohra in Thüringen gehalten hat:

Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen noch nicht einmal gegenüber ihren “engsten Verwandten im Tierreich“ - Schimpansen, Gorillas und Orang Utans - Empathie empfinden können? Selbst und gerade dann nicht, wenn diese, dressiert und „zum Affen“ gemacht, irgendwelche Kunststückchen in Zirkus oder TV-Shows vorführen müssen, oder, degradiert zu reinen Schauobjekten, in Zoos und Freizeitparks vor sich hinvegetieren, auf Lebenszeit eingesperrt hinter Eisengittern und Isolierglasscheiben?

Das Verhältnis des mitteleuropäischen Menschen zum Menschenaffen ist relativ neu. Die ersten „Großen Affen“, Schimpansen zunächst, kamen Mitte des 17. Jhdts. auf Handelsschiffen nach Europa. Sie wurden schnell zur Attraktion der zu dieser Zeit aufkommenden Menagerien und Tiersammlungen „aufgeklärter“ und insofern „naturbegeisterter“ Landesfürsten. Die älteste Tiersammlung Europas mit einer Vielzahl exotischer Tiere war bereits 1542 unter Kaiser Ferdinand I. in Schönbrunn bei Wien begründet worden, der ständig weiter ausgebaute Tiergarten existiert noch heute. Die bedeutendste Menagerie ihrer Zeit wurde ab 1662 im Schlosspark von Versailles eingerichtet.


Das Auftreten der Menschenaffen in Europa erschütterte die bis dahin unhinterfragt herrschende Selbst- und Weltsicht des christlichen Abendlandes in einem Maße, wie man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann: ihrer augenfälligen Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen bedeutete ihr Auftreten nichts weniger, als dass zum einen aufgrund der gesetzten Gottebenbildlichkeit des Menschen der Affe - ungeheuer und undenkbar - gottähnlich sein müsste; und dass zum anderen - gleichermaßen ungeheuer und undenkbar - ebendamit das Alleinstellungsmerkmal des Menschen und damit seine Vorherrschaft über die Natur in Frage gestellt sei.
Mit größtem Aufwand und in einer Schärfe, wie dies mit Blick auf die bislang bekannte Tierwelt nicht erforderlich gewesen war – menschenähnliche Tiere waren bis dahin in Europa völlig unbekannt gewesen -, suchte man von Kanzeln und Kathedern herunter die Trennlinie zwischen Mensch und Tier endgültig und über jeden Zweifel erhaben nachzuziehen. Vergleichbar dem jesuitischen Vorgehen gegen Galilei und insofern wider jede Empirie, die zu Beginn der Aufklärung und ebendiese markierend längst wissenschaftlicher Standard war, griff man zurück auf die später als Scholastik bezeichnete Wissenschaftsdoktrin des ausgehenden Mittelalters - namentlich auf den Spätscholastiker Thomas von Aquin -, die darin bestand, Beobachtungen rein deduktiv, also vom Allgemeinen ins Besondere schließend, so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar waren. Während alle Wesen beseelt seien, so die Auffassung des Thomas von Aquin, verfüge nur und ausschließlich die menschliche Seele über die Kraft des göttlichen und damit unsterblichen Geistes, des „intellectus“, der freies Denken und Wollen ermögliche und den Menschen „essentiell“ über die Tiere hinaushebe. Mit der Lehre des „essentiellen“ Unterschiedes zwischen Mensch und Tier wurde die in der Bibel grundgelegte Doktrin der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die diesen über die gesamte Natur erhebe und diese seiner Herrschaft und Nutzung unterwerfe, mit Nachdruck festgeschrieben: Thomas von Aquin gilt insofern als mit Abstand einflussreichster aller Kirchenlehrer. Ausdrücklich festgeschrieben wurde das biblische Diktum des 1. Buches Moses, in dem Gott selbst seinen Ebenbildern befiehlt, zu „herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Felds...und machet sie euch untertan und herrschet...Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere...in eure Hände seien sie gegeben“.

Es gilt dieses Verdikt unverändert bis heute und besetzt das kollektive Bewusstsein wie kein zweites: Unmißverständlich erklärt der aktuell gültige Weltkatechismus der Katholischen Kirche, federführend herausgegeben im Jahre 1993 durch den seinerzeitigen Kurienkardinal Joseph Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt: “Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat”. Somit dürfe der Mensch sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidung bedienen, er dürfe sie abrichten, um sie sich dienstbar zu machen; medizinische und wissenschaftliche Tierversuche seien "sittlich zulässig", sei doch – mit Thomas von Aquin – das "Gewaltverhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich unaufhebbar." Es gibt bezeichnenderweise in der gesamten Bibel keinen einzigen Satz, in dem Tieren Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen zugesprochen würde. All die mühsamen Versuche tierrechtlich angehauchter Exegeten wie etwa des Theologen Kurt Remele, irgendwelche tierfreundlichen Passagen in die Bibel hinein- oder aus dieser herauszuinterpretieren, sind reine Farce: Remele hält das Herrschafts- und Unterjochungsgebot aus dem 1. Buch Moses – „Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere“ – allen Ernstes für den Auftrag Gottes an den Menschen zu „verantwortungsvollem Leiten“ der ihm an die Hand gegebenen Mitgeschöpfe, zu „liebender Sorge“ für diese und „hegendem Bewahren“.
Auch die Bezugnahme der katholischen Kirche auf sogenannte Tierheilige wie Franz von Assisi, Leonhard oder Patrick sind, ebenso wie die Tiermessen und Tiersegnungen, die sie allenthalben inszeniert, nichts denn zynische Farce. Nirgendwo geht es um Segnung, sprich: Schutz der Tiere um ihrer selbst willen, allenfalls sollen sie durch den Segen vor Krankheit und Unfall bewahrt werden, um umso besser ausgebeutet werden zu können. Auf eigenen Hubertusmessen werden die Jäger gesegnet, vor Walfangfahrten die Walschlächter, vor Stierkämpfen die Toreros. Keine Eröffnung eines Zoos oder Delphinariums, keine Zirkuspremiere, keine noch so abartige Tierquälerei im Gewande von Tradition oder Brauchtum - Fischerstechen, Gänsereiten, Widderstoßen usw. -, ohne dass nicht ein Priester seinen Weihwasserwedel schwänge.

Ein Wort noch zu dem vielzitierten Franz von Assisi, der immer dann angeführt wird, wenn von der grundlegenden Tierfeindlichkeit der judäo-christlichen Traditionen und insbesondere der katholischen Kirche abgelenkt werden soll: die Geschichte des Giovanni Battista Bernardone, jenes jungen Mannes aus dem mittelitalienischen Assisi, der mit den Tieren habe reden können; der nach einem Erleuchtungserlebnis, bei dem Gott direkt zu ihm gesprochen habe - manche sagen auch: nach einem Schlag auf den Hinterkopf in einer Fehde mit der Nachbarstadt Perugia -, seinem Luxusleben als verwöhntes Bürgersöhnchen entsagte, sich den Schädel rasierte und hinfort als Franziskus der Wandermönch unterwegs war. Tatsächlich weiß niemand genau, was dem 24-jährigen Giovanni Battista im Frühsommer des Jahres 1206 widerfahren war. Jedenfalls zerstritt er sich mit seiner Familie und lief von nun an bevorzugt nackt durch die Gegend. Er begründete den "Orden der Minderen Brüder", der sich, bettelnd und Buße predigend, ganz dem biblischen Vorbilde Jesu verschrieb. Schon zwei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1226 wurde Franziskus von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Mit einem Heiligen, der zu Lebzeiten auf jede irdische Habe verzichtet hatte, ließ sich sehr gut die eigene Protz- und Verschwendungssucht kaschieren. Von besonderer Tierliebe ist in den frühen Zeitzeugenberichten und Biographien des Franz von Assisi nirgends die Rede. Seine legendäre Vogelpredigt, bei der er eine Schar Vögel mit frommen Worten ermahnt haben soll, Gott allezeit und allerorten zu loben, wurde erst sehr viel später hinzugedichtet. Desgleichen seine berühmte Begegnung mit dem Wolf von Gubbio, einem, wie die Legende sagt, "Thiere von grimmer Wildheit und schrecklicher Größe", das er allein mit dem Kreuzzeichen gezähmt habe. Zum offiziellen "Tierschutzheiligen" stieg Franziskus erst in jüngster Zeit auf. Schon vor knapp 80 Jahren zwar, im Jahre 1931, wurde sein Todestag, der 4. Oktober, zum "Welttierschutztag" ausgerufen, allerdings nicht von der katholischen Kirche, die sich entschieden dagegen aussprach, sondern von einem in Florenz veranstalteten Kongress mit Vertretern von 152 Tierschutzvereinen aus 32 Ländern. Die Kirche zog erst 50 Jahre später nach: Erst 1980 wurde Franz von Assisi per päpstlichem Dekret zum Tierschutz- und Umweltheiligen ernannt. Mit einem Heiligen, der mit den Tieren sprach, ließ sich gut vom eigenen Komplettversagen in der "Wahrung der Schöpfung" ablenken. Noch Mitte des 19.Jhdts. war von Papst Pius IX die Errichtung einer Tierschutzeinrichtung in Rom ausdrücklich verboten worden: Tieren gegenüber gebe es keinerlei moralische oder sonstige Pflicht. Pius IX wurde im Jahr 2000 von Papst Johannes Paul II seliggesprochen.

Ungeachtet der Aufnahme von Tierschutz in das Grundgesetz der BRD vom 17. Mai 2002 – Artikel 20a – gilt der Ge- und Verbrauch von Tieren nach wie vor als völlig "normal": die meisten Menschen betrachten Tiere ausschließlich als Mittel zum Zweck. Es gilt als unhintergehbare Selbstverständlichkeit, dass Tiere für menschliche Nahrung und Kleidung unterdrückt, ausgebeutet, gequält und getötet werden, dass sie für die Erforschung und Testung von Medikamenten oder Kosmetika vergiftet, verbrüht, verbrannt, vergast oder ertränkt werden, dass ihnen Augen, Magen und Haut verätzt, ihre Stimmbänder durchtrennt, ihre Knochen zertrümmert, zersägt, ihre Schädel zerschmettert werden, dass sie von Jägern gehetzt, erschlagen oder erschossen werden, sie zum Gaudium des Menschen in Zoos ausgestellt und in Zirkussen vorgeführt werden, dressiert und zu artwidrigstem Verhalten genötigt, dass sie zu Sport und Freizeitvergnügen jeder Art herhalten müssen... Und das alles nicht nur mit dem Segen der Katholischen Kirche, sondern in ihrem beziehungsweise ihres Gottes ausdrücklichem Auftrag: "Machet sie euch untertan und herrschet...Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere...in eure Hände seien sie gegeben...“Nicht nur die katholische Kirche, auch die evangelische und jede andere der christlichen Religionsgemeinschaften, desgleichen das Judentum und der Islam in all ihren Ausprägungen, beziehen sich grundlegend auf die biblisch begründete Einzigartigkeit des Menschen als Ebenbild Gottes samt dem daraus hergeleiteten Anspruch des Menschen die Natur zu beherrschen. Es ist das Wesen
jeder Religion, den Menschen aus der Natur herauszuheben und ihn – dies die Bedeutung des Begriffes re-ligio -: rückanzubinden an Gott bzw. je nach theologischer Ausrichtung an mehrere und unterschiedliche Götter, an das Göttliche, das Numinose usw. Religion ist immer Ausdruck und Rechtfertigung der Herrschaft von Menschen über Menschen und vor allem: Herrschaft des Menschen über die Natur. Tierbefreiungsarbeit muß insofern immer und grundlegend Religionsbefreiungsarbeit sein, Befreiung von Religion in jeder ihrer Erscheinungsformen. Auch und vor allem von den weichgespülten Formen, wie sie etwa innerhalb der evangelischen Kirche zu beobachten sind, in der zunehmend Tierschutzfragen thematisiert werden. Es geht Gruppierungen wie „AKUT – Aktion Kirche und Tiere“ immer nur um Reformen: um größere Käfige, kürzere Wege zum Schlachthof, schmerzfreiere Tötung usw., nicht aber um die prinzipielle Abschaffung von Unterdrückung und Ausbeutung der Tiere.

Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: ernstzunehmende TierrechtlerInnen sind selbstredend immer auch TierschützerInnen, wenn es darum geht, reales Tierleid bestmöglich und weitestgehend zu mindern, wo Unterdrückung, Ausbeutung und Leid unmittelbar nicht beendet werden können. Die abolitionistische Forderung aber nach Beendigung jedweder Ausbeutung - sprich: die Dekonstruktion der sakrosankten Grenzziehung zwischen Mensch und Tier - tritt dahinter nicht zurück. Klassischer Tierschutz wie etwa AKUT ihn betreibt, der ausschließlich auf Reformismus und/oder nur auf bestimmte Tierarten abstellt, ist aus tierrechtlicher Sicht abzulehnen: er schreibt Tierausbeutung prinzipiell und programmatisch fort. Abgesehen davon entlastet er die Kirchen von Kritik an ihren strukturell tierfeindlichen Positionen, die die ideologische Grundlage abgeben für die herrschenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse, unter denen Myriaden von Tieren weltweit zu leiden haben.. Da ist der „1. Kirchentag Mensch und Tier“, wie er von AKUT für August 2010 in Dortmund geplant ist, nichts anderes als eine Mischung aus - je nach Position - abgründiger Naivität und schreiendem Zynismus; einschließlich der vorgesehenen „Tiermessen“, bei denen gemeinsam für das Wohlergehen der „Mitgeschöpfe“ gebetet wird. Ganz abgesehen davon, dass der AKUT- Kirchentag von den Amtskirchen, die ein paar Wochen zuvor ihren eigenen „offiziellen“ Kirchentag in München abhalten, komplett ignoriert wird. Als Hauptredner des AKUT-Kirchentages sind übrigens Eugen Drewermann, Klaus-Peter Jörns und Barbara Rütting angekündigt, letztere bekannt als Apologetin der rechtslastigen Neuoffenbarungsgemeinschaft „Universelles Leben“ sowie als Propagandistin telepathischer Kommunikation mit Tieren und jedweden sonstigen Esoterikunsinns.

Auch die vermeintlich sehr viel tierfreundlicheren Religionssysteme des Ostens – Hinduismus und Buddhismus in ihren verschiedenen Ausprägungen – erweisen sich bei näherer Hinsicht als ebenso fatal für das Tier wie die mosaischen Religionen. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, es ließen sich den judäo-christlichen Vorstellungen des Menschen als Abbild eines.gewalttätigen Alleinherrschergottes und damit als “Herren der Welt” die Vorstellungen östlicher Religionssysteme als nachgerade vorbildlich, wie etwa Schopenhauer meinte, gegenübersetzen. Tatsache ist: Der Hinduismus unterscheidet sich in Hinblick auf Unterdrückung und Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere in nichts von den judäo-christlichen Traditionen: ungeachtet etwa der kultischen Verehrung der Kuh bietet der Hinduismus realen Rindern keinerlei Schutz. Auch der Umstand, dass ein paar der zahllosen Hindu-Gottheiten mit Tierköpfen dargestellt werden, Ganesha etwa mit Elephantenkopf, Nandi mit Stier- oder Hanuman mit Affenkopf, besagt keineswegs, dass die entsprechenden realen Tiere respektvoll zu behandeln seien oder behandelt würden. Tiere, die keine Repräsentanz im Hindu-Pantheon haben, gelten ohnehin als Sache, mit der der gläubige Hindu nach Belieben und Willkür verfahren kann. Der vermeintlich höhere Stellenwert, der dem Tier in den östlichen Religionssystemen zugebilligt wird – es gilt dies auch für den Buddhismus in all seinen Erscheinungsformen -, resultiert aus den metaphysischen Konstrukten von Karma und Wiedergeburt, der Vorstellung also, dass Menschen irgendwelcher Vergehen wegen im nächsten Leben in der niederen Gestalt eines Tieres wiedergeboren werden können, als welches sie nicht nur vielfältiges Leid zu erdulden haben, sondern vor allem keine Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten erlangen können: nur der Mensch kann sich ins erstrebte Nirvana auflösen. Es kann also jedes Tier prinzipiell ein karmisch zurückgestufter Mensch sein, dem und nur dem gegenüber das ausschließlich anthropozentrisch und ansonsten völlig abstrakt verstandene Nicht-Tötungsgebot des Ahimsa gilt. Im Übrigen ist der buddhistischen Lehre zufolge nur das Töten selbst verboten. Sofern ein gläubiger Buddhist ein Tier, das er zu verzehren oder anderweitig zu verwerten gedenkt, nicht selbst und mit eigener Hand tötet, befindet er sich allemal in Einklang mit den Geboten der Lehre. Um das Tier als Tier geht es prinzipiell nicht. Das gleiche gilt im Übrigen auch für die sogenannten Naturreligionen, denen ein ungeteiltes Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Mensch und Tier nachgesagt wird. Die Besänftigung der Naturgeister freilich oder die kultische Verehrung eines Totems – in der Regel auf dem Wege tierlicher Opfergaben - dient zu nichts anderem, als dass der Mensch sich selbst gefahrlos der Natur bedienen bzw. sie sich nutzbar machen kann.
Zurück zu den Menschenaffen. Zeitgleich mit der Ankunft der ersten Schimpansen in Europa sah der französische Jesuitenschüler und Philosoph René Descartes sich berufen, die Sonderstellung des Menschen in der Natur naturwissenschaftlich zu untermauern. Er tat dies, ganz im Geiste seiner Zeit, unter enormen philosophischen Verrenkungen, sprich: in nachgerade groteskem Widerspruch zu seiner eigenen durchaus fortschrittlichen Erkenntnistheorie, die nur zu akzeptieren vorgibt, was durch Analyse und Reflexion verifiziert werden kann. In seiner berühmten Abhandlung über die Methode des rechten Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, in der er mithin eben diese Erkenntnistheorie vorstellt, suchte er in einem eigenen und völlig aus dem Rahmen fallenden Kapitel nachzuweisen, dass Tiere „nicht nur weniger Vernunft als die Menschen, sondern gar keine haben“, und zwar anhand der Unfähigkeit von Tieren so zu sprechen, dass der Mensch sie versteht. Es sei doch höchst bemerkenswert, wie er schreibt, „dass es keine so stumpfsinnigen und dummen Menschen gibt..., die nicht fähig wären, verschiedene Worte zusammenzuordnen und daraus eine Rede zu bilden, wodurch sie ihre Gedanken verständlich machen; wogegen es kein anderes noch so vollkommenes und noch so glücklich veranlagtes Tier gibt, das etwas Ähnliches tut...Und da man unter den Tieren ebenso wie unter den Menschen Ungleichheit findet...so ist es unglaublich, dass ein Affe oder Papagei, die zu den vollkommensten ihrer Art gehören, darin nicht einem der dümmsten Kinder oder wenigstens einem Geisteskranken gleichkommen würden, wenn ihre Seele nicht von einer ganz anderen Natur wäre als die unsrige“. Er setzte Tiere insofern mit Automaten gleich, deren Bewegungen rein mechanischen Gesetzen folgten, ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ohne Gefühl. Auffällig, wie er schreibt, sei überdies, „dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass ebendieselben Tiere in vielen Handlungen gar keine zeigen; so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist beweist...sondern vielmehr, dass sie keinen Geist haben und allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe handelt. Man sieht ja auch dass ein Uhrwerk, das bloß aus Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit all unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ Gäbe es Automaten, so Descartes, die die Organe oder die äußere Gestalt eines Affen oder eines anderen vernunft- und gefühllosen Tieres besäßen, so wären diese Automaten in nichts von jenen Tieren zu unterscheiden. Nur der Mensch, gleichwohl auch er mechanisch konstruiert, verfüge über Sprache und Vernunft als Universalinstrumente des Handelns, die nicht an die Disposition der Organe gebunden seien. Nur er sei insofern gottebenbildlich, herausgehoben aus der Natur und frei in seinen Entscheidungen und seinem Tun. Als Vivisektor „demontierte“ Descartes Organ für Organ seiner Versuchstiere, gerade so wie ein Uhrmacher das Räderwerk einer Uhr auseinandernimmt. Die Schmerzensschreie der bei lebendigem Leibe sezierten Tiere bedeuteten ihm nicht mehr als das „Quietschen eines Rades".

Gleichwohl Descartes Auffassung in diametralem Gegensatz stand zu seinem eigenen erkenntnistheoretischen und rationalen Anspruch, wurde sie, kolportiert von Talar- und Soutanenträgern jeder Coleur, zur Grundlage aller modernen Wissenschaft, die in irgendeiner Form mit dem Tiere zu tun hat. Zentrales Diktum: Tiere können nicht denken, nicht fühlen, nicht leiden, der Mensch kann insofern, ganz im Sinne des biblischen Unterjochungs- und Ausbeutungsauftrages aus dem 1. Buch Moses, mit ihnen tun und lassen, was ihm beliebt. Gerade den Kirchen kamen Descartes, desgleichen Spinoza, der entgegen seiner sonstigen und wichtigen Beiträge zur Aufklärung insofern ganz ähnliche Gedanken vertrat, sehr gelegen, vor allem in der zu Beginn des 18. Jhdts. aufkeimenden und zunehmend sich verschärfenden bzw. in aberwitzigsten Behauptungen und Gegenbehauptungen sich verheddernden Diskussion, die aufgeklärte Denker wie Leibnitz oder Hume mit ihren ersten Versuchen vom Zaune brachen, die bislang dogmatisch vertretenden, d.h. völlig unhinterfragt geltenden Ansichten über das Verhältnis Mensch-Tier mit neuen, nunmehr empirisch gewonnenen Einsichten und Erkenntnissen zu verknüpfen. Anhand der mittlerweile in zahlreichen Tiersammlungen und Menagerien anzutreffenden Schimpansen wurde die Diskussion stetig vorangetrieben, bekämpft mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von den Vertretern der „alten Ordnung“. Die Großen Menschenaffen - ab Mitte des 18. Jhdts. kamen erstmalig auch Orang Utans und Gorillas nach Europa – blieben in Gefangenschaft in der Regel nicht lange am Leben, viele starben kurz nach ihrer Ankunft, die meisten schon während der Schiffspassage. Ihre toten Körper wurden in der Regel zerstückelt und in Spiritus eingelegt, auch ausgestopft oder skelettiert, und reisten als Anschauungs- und Studienmaterial quer durch Europa. Dazu entwickelte sich eine eigene Sparte an Tiermalern, deren Bilder ebenfalls in ganz Europa kursierten. Menschenaffen waren insofern allgegenwärtig.1758 sorgte der schwedische Naturhistoriker Carl von Linné mit der zehnten Auflage seiner immer wieder überarbeiteten
Systema Naturae für ein Erdbeben sondergleichen in der abendländischen Welt: er hatte es gewagt, in seiner – bis heute bestehenden und gültigen – Taxonomie der Arten die „Großen Affen“ aufgrund deren unabstreitbarer anatomischer und physiologischer Ähnlichkeit zum Homo sapiens der gleichen Familie der „Hominidae“, der Menschenartigen, zuzuordnen. Es hatte dies Linné selbst in schweren Zwiespalt gestürzt: er war zugleich Wissenschaftler wie auch – in seiner Zeit nicht anders denkbar - rechtschaffener Christenmensch. Er löste das Dilemma in der von Descartes herabgekommenen Behauptung, es gebe eine nicht-anatomische Eigenschaft, die den Menschen trotz aller Nähe zu den Menschenaffen diesen unermesslich überlegen mache: seine über alle Natur erhabene Vernunft. Gleichwohl Linné mit diesem - wenn man soll will: scholastischen -Winkelzug seine Erkenntnis der gleichen Familienzugehörigkeit von Mensch und Menschenaffe enorm abschwächte, wenn nicht aufhob, sah seine Taxonomie sich doch vehementester Anfeindung ausgesetzt. Eine seiner größten Kritiker war der Göttinger Zoologe Johann Friedrich Blumenbach, der der Verletzung der geheiligten Trennlinie zwischen Mensch und Tier heftig widersprach und nicht nur eine eigene - falsche - Taxonomie aufstellte, sondern mit der Zuweisung eines lateinischen Artennamens an den Schimpansen diese Trennlinie in einer Weise nachzog, wie es deutlicher und schärfer nicht ging. Bis dahin waren Schimpansen als „Indische Satyrn“ bezeichnet worden – Satyrn sind ungehobelte Waldschrate aus der griechischen Mythologie –, aber eben auch als Schimpansen, nach dem in Ostkongo gebräuchlichen Bantubegriff „kivili-chimpenze“, was schlicht „Affenmensch“ bedeutet.

Blumenbach gab dem Schimpansen den Namen Pan troglodytes, wie er bis heute wissenschaftlich heißt. Troglodyt ist ursprünglich der griechische Begriff für Höhlenbewohner, übertragen galt er im Bürgertum des 18. und 19.Jhdt. als verächtliche Bezeichnung für Menschen mit ausgeprägt schlechtem, unkultiviertem Benehmen. Pan, der Gattungsbegriff selbst für die Schimpansen, wurde nach Pan dem griechischen Gott der ungebändigten Natur gewählt, der, über und über behaart und mit meist erigiertem Phallus durch die Wälder zog und die Menschen, die seiner ansichtig wurden, darob in panischen Schrecken versetzte - daher der Begriff Panik. Mit dem Gattungsnamen Pan wurde der Schimpanse zum „ganz Anderen“ erklärt, zum Inbegriff des verfemt „Animalischen“, des „Leibhaftigen“, all dessen, was judäo-christliche Zivilisation und Kultur seit je zu unterdrücken und zu beherrschen suchten: nämlich Sexualität und Eros. Der griechische Gott Pan, seiner Dauergeilheit wegen im hellenischen Mythos stets mit Bockshörnern und Bocksfüßen dargestellt, wurde im christlichen Mittelalter als Vorbild für die von den Scholastikern neuerfundene Gestalt des Teufels herangezogen. Nun war das Böse leibhaftig da: in Gestalt des Schimpansen, der insofern dringend weggesperrt werden musste, am besten hinter doppelte Gitterstäbe, wo das Bürgertum ihn dann aus gebührendem Abstand und mit wohligem Schauer begaffen konnte. Pan troglodytes: alleine im Namen doppelt geächtet, doppelt abgewertet, doppelt verandert.

Dem Dilemma Linnés, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in Einklang zu bringen mit der herrschenden Doktrin des christlichen Abendlandes einer gottgegebenen und gottgewollten Vorrangstellung des Menschen über alle Natur, unterlag 100 Jahre später auch Charles Darwin, der zeit seines Forscherlebens damit zu kämpfen hatte. Nicht zuletzt hatte er vor seinen naturwissenschaftlichen Studien ein komplettes Theologiestudium absolviert. Bereits 1838 hatte Darwin einen ersten Entwurf seiner Theorie über die Entstehung der Arten erstellt, aber erst mehr als 20 Jahre später, 1859, getraute er sich, seine Arbeiten zu veröffentlichen, deren zentrale Aussage die der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen war. Während in Wissenschaftskreisen die Tatsache der Evolution – mithin gemeinsamer Vorfahren von Menschenaffen und Menschen - relativ schnell und so gut wie universell akzeptiert wurde, stieß sie – und stößt bis heute – in fundamentalreligiösen Kreisen auf erbitterten Widerstand. Auch ins Alltagsbewusstsein ist sie längst noch nicht eingedrungen.

Daran haben auch all die ethologischen Befunde nichts geändert, die seit den 1960er Jahren – Jane Goodall und Biruté Galdikas vorneweg – über das Leben von Primaten in freier Wildbahn zusammengetragen wurden: dass sie tradierte Formen von Kultur haben, einschließlich der Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen oder bei Krankheiten bestimmte Heilkräuter einzusetzen; dass sie Ich-Bewußtsein haben samt einer Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft; dass sie über kognitive, soziale und kommunikative Fähigkeiten verfügen, die sich von denen des Menschen allenfalls graduell unterscheiden und emotional genau so empfinden wie dieser. Ebensowenig bewirkt haben die Befunde der modernen Genetik, die es naturwissenschaftlich unhaltbar machen, überhaupt zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden: die Erbgutunterschiede etwa zwischen Mensch und Schimpanse bewegen sich im Promillebereich.

Psychologisch ist das anders: „Affen sind den Menschen nahe“, so der Primatologe Volker Sommer, „aber die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma: Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet. Sie gelten jedoch zugleich als hinreichend verschieden von uns, so dass ihnen keine Rechte zustehen.“ Das 1993 von Peter Singer, Paola Cavalieri und einer Reihe weiterer hochrenommierter Wissenschaftler und Philosophen ambitioniert gestartete Great Ape Projekt, dessen Ziel es war und ist, den Großen Menschenaffen Persönlichkeitsstatus zuzusprechen, der ihnen das Recht auf Unverletzbarkeit von Leib und Leben sowie das Recht auf individuelle Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen ihrer natürlichen Anlagen garantiert, ist nach einem ersten Erfolg von 1999 – Neuseeland verbot per Gesetz sämtliche Experimente an Menschenaffen – und einem weiteren aus dem Jahre 2007 – die Inselgruppe der Balearen als insofern autonome Region Spaniens beschloß umfassenden gesetzlichen Schutz der Menschenaffen – praktisch zum Erliegen gekommen. Ob sich etwas in Bewegung setzt über das seit 2007 vor österreichischen Gerichten und derzeit beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anhängige Verfahren zur Klärung der Frage, ob einem im Wiener Tierschutzhaus lebenden Schimpansen namens Hiasl Personenstatus und damit subjektive Rechte zuerkannt werden müssen oder nicht, bleibt abzuwarten. In der Bundesrepublik gibt es jedenfalls keinerlei Anlaß zu Optimismus: Keine der im Bundestag vertretenen Parteien setzt sich ernsthaft für Schutz der Primaten im Sinne des Great Ape Project ein. Sämtliche Parteien befürworten weiterhin Tier- und insbesondere Affenversuche, CDU/CSU ausdrücklich auch Versuche an Menschenaffen. Lediglich Die Linke tritt für ein konsequentes Verbot sämtlicher Affenversuche ein.

Zur Frage im Übrigen, was den Einsatz gerade für Menschenaffen rechtfertigt, durch deren allfälligen Einbezug in die Rechtsgemeinschaft der Menschen sich nur die Grenzlinie verschöbe und nun Menschen und Menschenaffen auf der einen von allen anderen Tieren auf der anderen Seite trennte, woraus letztere keinerlei Nutzen bezögen, ist in aller Pragmatik zu sagen: irgendwo muß man anfangen. Zudem stellen Menschenaffen den Dreh- und Angelpunkt des Verhältnisses Mensch-Natur dar, sie definieren wie nichts und niemand sonst die sakrosankte Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie festgeschrieben „auf der anderen Seite“, sind das alle anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze durchlässig, könnte das einen Dammbruch auslösen, der letztlich allen Tieren zugute käme; ganz abgesehen davon, dass mit dem primatologischen Diskurs eng auch andere macht- und herrschaftskritische Diskurse – Geschlechterfrage, Rassismus, Postkolonialismus etc. – verknüpft sind.
Was genau prägt eigentlich die Sicht des heutigen Durchschnittsbürgers auf Schimpansen, Orang Utans und Gorillas? Schimpansen gelten als Sympathieträger, man kennt sie aus dem Zoo oder dem Zirkus, wo sie als die geborenen Spaßmacher erscheinen, in letzterem oft kostümiert mit Röckchen oder Livree. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an den berühmten Petermann aus dem Kölner Zoo, einen Schimpansen, dem man eine bunte Gardeuniform anzog, damit er bei Karnevalssitzungen der umjubelte Star des Elferrates sein konnte. Im niederbayerischen Straubing gab es in den 1960ern einen Schimpansen namens Jimmy, den der damalige Zoodirektor regelmäßig ins Caféhaus mitnahm, wo er ihn zum Gaudium der anderen Gäste Bier trinken und Zigarren rauchen ließ. Was also wissen wir von Schimpansen? Im Grunde gar nichts. Das einzige, was im Bewusstsein hängen bleibt, sind Zerrbilder, Klischees und lächerliche Karikaturen, die mit frei lebenden Schimpansen nicht das Geringste zu tun haben.

Auch wenn Zoos gerne behaupten, es gebe kaum einen anderen Lernort, an dem man Natur besser beobachten und verstehen lernen könne, als gerade einen Zoo, ist das genaue Gegenteil der Fall: Zoos eignen sich zu nichts weniger, als einen sinnfälligen Bezug zur Natur herzustellen. Gerade deshalb fällt den Besuchern ja auch das Leid der eingesperrten und zur Schau gestellten Tiere nicht auf. Und genau darum geht es: all die Zerrbilder und Klischees, die der Besucher im Zoo vorgeführt bekommt, dienen dazu, eins-zu-eins die alttestamentarisch grundgelegte und über Descartes und Spinoza herabgekommene Doktrin zu bestätigen, dass der Mensch dem Tiere – hier dem Affen – unermesslich überlegen sei und sich seiner insofern nach Belieben bedienen könne, und sei es nur zum persönlichen Gaudium. Nicht umsonst zählt der sonntagnachmittägliche Besuch des örtlichen Zoos mit Kindern und Enkelkindern zum absolut unverzichtbaren pädagogischen Standardprogramm.
Hand in Hand mit dem über Zoos vermittelten Bild des Schimpansen geht jenes, das uns - mit Ausnahme weniger Dokumentarfilme - in Kino- und TV-Produktionen vorgeführt wird. Auch Filmschimpansen sind immer zu Späßchen aufgelegt, ob nun Cheeta aus den Tarzanfilmen, Judy aus Daktari oder „Unser Charly“ aus der gleichnamigen ZDF-Vorabendserie: stets gut gelaunt, schelmisch, Charly immer mit lustiger Latzhose oder mit Bermuda-Shorts; dazu intelligent, hilfreich, zuverlässig, dem Menschen gegenüber absolut loyal und diesem im Zweifelsfall weit mehr zugeneigt als den eigenen Artgenossen oder sonstigen Tieren. Teil der kollektiven Erinnerung sind auch die Schimpansen Ham und Enos, die 1961 im Dienste der Menschheit mit einer US-Mercury-Rakete ins Weltall geschossen wurden: die Bilder der Schimpansen in der Raumkapsel gingen um die Welt.

Nicht zu vergessen Planet der Affen von 1968, neben Star Wars erfolgreichster Science-Fiction-Film aller Zeiten mit fünf Nachfolgefilmen, zwei eigenen TV-Serien, einer Comicheftserie sowie einem Remake von 2001. Worum es geht: Ein Forschungsraumschiff der Erde landet mit Hilfe von Zeitdilatation und bei künstlichem Tiefschlaf der Astronauten 2000 Jahre in der Zukunft auf einem fremden Planeten. Die drei Astronauten treffen bei ihrer Erkundung des Planeten auf steinzeitliche Menschen. Plötzlich tauchen bewaffnete Affen auf, die Treibjagd auf diese Menschen machen und auch die drei Astronauten gefangen nehmen. Es zeigt sich, dass auf dem Planeten – Umkehr der Verhältnisse – die Affen die herrschende Spezies sind: die Menschen werden gejagt, versklavt, nach Belieben auch getötet. Die Affengesellschaft erweist sich als theokratische Diktatur, die zudem in rassische Kasten unterteilt ist: Die Orang-Utans stellen den herrschenden Klerus, Gorillas das Militär, Schimpansen das Bürgertum. Menschen dienen als Arbeitssklaven. Einem der Astronauten gelingt es kraft seiner überlegenen Intelligenz, den Affen zu entfliehen, wobei er sich der Zuneigung einer Schimpansenfrau bedient, die ihm bei der Flucht hilft. Nach seiner Flucht hat er keinerlei Skrupel, mit Waffen aus dem Raumschiff gegen die Affen vorzugehen, auch gegen jene, die ihm zur Flucht verholfen haben. Letztlich stellt sich heraus, dass das Raumschiff auf der Erde der Zukunft gelandet war, auf der nach einem Atomkrieg die Affen die Herrschaft übernommen und die übriggebliebenen Menschen versklavt hatten. Der zunächst durchaus als gesellschaftskritische Parabel daherkommende Plot – die Umkehr der Machtverhältnisse Mensch-Affe - hält diese Linie nicht lange durch. Held ist und bleibt stets der Mensch, der sich erfolgreich gegen die Übermacht der Affen durchsetzt. Diese erscheinen durchwegs als korrupt, faschistoid, bigott und vor allem: als intellektuell äußerst beschränkt, dem menschlichen Helden insofern chancenlos unterlegen. In den nachgeschobenen Folgen des Films treten die sozialkritischen Aspekte, sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, komplett in den Hintergrund, da geht es nur noch um Kampf „Affe gegen Mensch“, ein Kampf, den letztlich immer – weil grundsätzlich - der Mensch gewinnt.

Auch das Bild des Gorillas entstammt zunächst dem Zoo, wo man ihn eingesperrt hinter dicken Eisengittern und Panzerglas besichtigen kann. Aus dem Zirkus kennt man ihn weniger, seiner enormen Körperkraft wegen, woraus wir lernen: Gorillas sind gefährlich. Nicht umsonst werden die Leibwächter von Unterweltgrößen seit je als „Gorillas“ bezeichnet, in diametralem Gegensatz zur ausgesprochenen Unaggressivität und Friedfertigkeit wirklicher Gorillas. Man kennt Gorillas auch aus Film und Fernsehen, vorneweg durch King Kong, den Klassiker schlechthin des Monsterfilmgenres, dessen Original von 1933 zu den meistgesehenen und meistkopierten Filmen aller Zeiten zählt. Ein großer schwarzer Affe entblättert eine blonde weiße Frau: die für die abendländische Kultur nachgerade archtetypische Projektionsgeschichte von Rassismus, Sexismus und Speziesismus, alles in einem. Kong, der Inbegriff des Leibhaftigen, von den Eingeborenen seiner Insel in der Südsee als Gott verehrt, wird von einer Expeditionscrew betäubt, gefangengenommen und nach New York gebracht, um dort als „Achtes Weltwunder“ ausgestellt zu werden. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien und auf das Empire State Building zu klettern, wird er von Flugzeugen aus von diesem Phallussymbol der zivilisierten weißen Männerwelt heruntergeschossen. Wir lernen: selbst der größte und stärkste aller Gorillas ist ein looser, wenngleich ein unterschwellig bedauernswerter, gegen die haushohe Überlegenheit des Homo sapiens. Das cineastische Rührstück Gorillas im Nebel von 1988, das den Lebensweg der Gorillaforscherin Dian Fosseys nachzeichnet, die 1967 in Ostafrika ermordet wurde, ändert an diesem Bild überhaupt nichts, zumal der Film komplett absäuft in seiner eigenen Sentimentalität und im Pathos für Fossey. Von Orang Utans wird ein genauso verzerrtes Bild gezeichnet: In Planet der Affen repräsentieren sie die korrupte Priester- und Politikerkaste. Und selbst in dem harmlosen Disney-Trickfilm Das Dschungelbuch ist der Orang Utan auf hinterhältige Weise hinter der Vormachtstellung im Dschungel her: Affenkönig King Louis, der nicht umsonst den Namen des französischen Sonnenkönigs trägt.

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle der Schimpanse Rotpeter aus Franz Kafkas Bericht an eine Akademie von 1917. Kafka läßt Rotpeter über seine Gefangennahme durch eine Hagenbecksche Tierfangexpedition berichten. Um nicht in den Zoo gesperrt zu werden, so berichtet er, habe er schon auf der Schiffspassage nach Hamburg begonnen, die Menschen zu beobachten. Er habe menschliche Verhaltensweisen und Gesten erlernt, auch die menschliche Sprache und so bald die Durchschnittsbildung eines Europäers erworben. Dennoch, auch nach dem Bericht, den er vor der Akademie über seine Menschwerdung vorträgt, bleibt er für die Öffentlichkeit nichts als ein dressierter Affe. Unabhängig von den üblichen Interpretationen, die Kafkas Stück als Parabel über die letztlich erfolglosen Anpassungsversuche des jüdischen Volkes in Europa deuten: Kafka kannte die Tierfangexpeditionen Hagenbecks, er kannte nachweislich auch einen dressierten Schimpansen namens „Konsul Peter“, der in einem Prager Varieté auftreten musste. Die Interpretation ist zumindest nicht abwegig, dass es in seiner Erzählung ganz konkret auch um Kritik an der kompletten Ignoranz des Bildungsbürgertums der Darwinschen Evolutionstheorie gegenüber ging, die Tierschauen a la Hagenbeck oder Varietés wie das in Prag zuließ.

Was sagt uns dieser kurze Streifzug durch die Kulturgeschichte des Verhältnisses Mensch-Menschenaffe? Dass sich für letzteren seit seinem ersten Auftauchen in Europa Mitte des 17. Jhdts. en gros nichts geändert hat. Und für ersteren, dass er offenbar gefangen ist in der Matrix einer psycho- und soziokulturellen Tradition, aus der es - wie im gleichnamigen Science-Fiction-Thriller der Wachowski-Brothers - kein Entrinnen gibt. Nach wie vor sitzen unsere „engsten Verwandten“ gefangengehalten in Zoos oder Zirkus, begafft, belacht, ihrer Freiheit, Selbstbestimmung und Würde beraubt, oder, schlimmer noch: in einem der pharmazeutischen Versuchslabors, auf unsagbare Weise gequält, ausgenutzt und ausgeschlachtet bis zum letzten. Allein das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen hat regelmäßig 1300 Affen unterschiedlicher Art in Gewahrsam, die der „biologischen und medizinischen Forschung“ dienen.

Bis heute ist dieser Umgang mit unseren „engsten Verwandten“ völlig legitim, legal sowieso, letztlich handelt es sich ja „nur um Tiere“. Und mit diesen kann man, wie Spinoza vor 350 Jahren das seit je und bis heute herrschende kollektive Bewusstsein des judäo-christlichen Abendlandes auf den Begriff brachte, „nach Belieben verfahren und sie so behandeln wie es uns am besten passt“.