Vortrag Colin Goldner 2009

"Machet sie euch untertan und herrschet...

Der folgende Text ist eine Kurzfassung des Vortrages, den Colin Goldner auf dem „Tierbefreiungskongreß 2009“ (27.-30.8.09) auf Burg Lohra in Thüringen gehalten hat:

Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen noch nicht einmal gegenüber ihren “engsten Verwandten im Tierreich“ - Schimpansen, Gorillas und Orang Utans - Empathie empfinden können? Selbst und gerade dann nicht, wenn diese, dressiert und „zum Affen“ gemacht, irgendwelche Kunststückchen in Zirkus oder TV-Shows vorführen müssen, oder, degradiert zu reinen Schauobjekten, in Zoos und Freizeitparks vor sich hinvegetieren, auf Lebenszeit eingesperrt hinter Eisengittern und Isolierglasscheiben?

Das Verhältnis des mitteleuropäischen Menschen zum Menschenaffen ist relativ neu. Die ersten „Großen Affen“, Schimpansen zunächst, kamen Mitte des 17. Jhdts. auf Handelsschiffen nach Europa. Sie wurden schnell zur Attraktion der zu dieser Zeit aufkommenden Menagerien und Tiersammlungen „aufgeklärter“ und insofern „naturbegeisterter“ Landesfürsten. Die älteste Tiersammlung Europas mit einer Vielzahl exotischer Tiere war bereits 1542 unter Kaiser Ferdinand I. in Schönbrunn bei Wien begründet worden, der ständig weiter ausgebaute Tiergarten existiert noch heute. Die bedeutendste Menagerie ihrer Zeit wurde ab 1662 im Schlosspark von Versailles eingerichtet.

Das Auftreten der Menschenaffen in Europa erschütterte die bis dahin unhinterfragt herrschende Selbst- und Weltsicht des christlichen Abendlandes in einem Maße, wie man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann: ihrer augenfälligen Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen bedeutete ihr Auftreten nichts weniger, als dass zum einen aufgrund der gesetzten Gottebenbildlichkeit des Menschen der Affe - ungeheuer und undenkbar - gottähnlich sein müsste; und dass zum anderen - gleichermaßen ungeheuer und undenkbar - ebendamit das Alleinstellungsmerkmal des Menschen und damit seine Vorherrschaft über die Natur in Frage gestellt sei.

Mit größtem Aufwand und in einer Schärfe, wie dies mit Blick auf die bislang bekannte Tierwelt nicht erforderlich gewesen war – menschenähnliche Tiere waren bis dahin in Europa völlig unbekannt gewesen -, suchte man von Kanzeln und Kathedern herunter die Trennlinie zwischen Mensch und Tier endgültig und über jeden Zweifel erhaben nachzuziehen. Vergleichbar dem jesuitischen Vorgehen gegen Galilei und insofern wider jede Empirie, die zu Beginn der Aufklärung und ebendiese markierend längst wissenschaftlicher Standard war, griff man zurück auf die später als Scholastik bezeichnete Wissenschaftsdoktrin des ausgehenden Mittelalters - namentlich auf den Spätscholastiker Thomas von Aquin -, die darin bestand, Beobachtungen rein deduktiv, also vom Allgemeinen ins Besondere schließend, so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar waren. Während alle Wesen beseelt seien, so die Auffassung des Thomas von Aquin, verfüge nur und ausschließlich die menschliche Seele über die Kraft des göttlichen und damit unsterblichen Geistes, des „intellectus“, der freies Denken und Wollen ermögliche und den Menschen „essentiell“ über die Tiere hinaushebe. Mit der Lehre des „essentiellen“ Unterschiedes zwischen Mensch und Tier wurde die in der Bibel grundgelegte Doktrin der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die diesen über die gesamte Natur erhebe und diese seiner Herrschaft und Nutzung unterwerfe, mit Nachdruck festgeschrieben: Thomas von Aquin gilt insofern als mit Abstand einflussreichster aller Kirchenlehrer. Ausdrücklich festgeschrieben wurde das biblische Diktum des 1. Buches Moses, in dem Gott selbst seinen Ebenbildern befiehlt, zu „herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Felds...und machet sie euch untertan und herrschet...Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere...in eure Hände seien sie gegeben“.

Es gilt dieses Verdikt unverändert bis heute und besetzt das kollektive Bewusstsein wie kein zweites: Unmißverständlich erklärt der aktuell gültige Weltkatechismus der Katholischen Kirche, federführend herausgegeben im Jahre 1993 durch den seinerzeitigen Kurienkardinal Joseph Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt: “Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat”. Somit dürfe der Mensch sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidung bedienen, er dürfe sie abrichten, um sie sich dienstbar zu machen; medizinische und wissenschaftliche Tierversuche seien "sittlich zulässig", sei doch – mit Thomas von Aquin – das "Gewaltverhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich unaufhebbar." Es gibt bezeichnenderweise in der gesamten Bibel keinen einzigen Satz, in dem Tieren Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen zugesprochen würde. All die mühsamen Versuche tierrechtlich angehauchter Exegeten wie etwa des Theologen Kurt Remele, irgendwelche tierfreundlichen Passagen in die Bibel hinein- oder aus dieser herauszuinterpretieren, sind reine Farce: Remele hält das Herrschafts- und Unterjochungsgebot aus dem 1. Buch Moses – „Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere“ – allen Ernstes für den Auftrag Gottes an den Menschen zu „verantwortungsvollem Leiten“ der ihm an die Hand gegebenen Mitgeschöpfe, zu „liebender Sorge“ für diese und „hegendem Bewahren“.

Auch die Bezugnahme der katholischen Kirche auf sogenannte Tierheilige wie Franz von Assisi, Leonhard oder Patrick sind, ebenso wie die Tiermessen und Tiersegnungen, die sie allenthalben inszeniert, nichts denn zynische Farce. Nirgendwo geht es um Segnung, sprich: Schutz der Tiere um ihrer selbst willen, allenfalls sollen sie durch den Segen vor Krankheit und Unfall bewahrt werden, um umso besser ausgebeutet werden zu können. Auf eigenen Hubertusmessen werden die Jäger gesegnet, vor Walfangfahrten die Walschlächter, vor Stierkämpfen die Toreros. Keine Eröffnung eines Zoos oder Delphinariums, keine Zirkuspremiere, keine noch so abartige Tierquälerei im Gewande von Tradition oder Brauchtum - Fischerstechen, Gänsereiten, Widderstoßen usw. -, ohne dass nicht ein Priester seinen Weihwasserwedel schwänge.

Ein Wort noch zu dem vielzitierten Franz von Assisi, der immer dann angeführt wird, wenn von der grundlegenden Tierfeindlichkeit der judäo-christlichen Traditionen und insbesondere der katholischen Kirche abgelenkt werden soll: die Geschichte des Giovanni Battista Bernardone, jenes jungen Mannes aus dem mittelitalienischen Assisi, der mit den Tieren habe reden können; der nach einem Erleuchtungserlebnis, bei dem Gott direkt zu ihm gesprochen habe - manche sagen auch: nach einem Schlag auf den Hinterkopf in einer Fehde mit der Nachbarstadt Perugia -, seinem Luxusleben als verwöhntes Bürgersöhnchen entsagte, sich den Schädel rasierte und hinfort als Franziskus der Wandermönch unterwegs war. Tatsächlich weiß niemand genau, was dem 24-jährigen Giovanni Battista im Frühsommer des Jahres 1206 widerfahren war. Jedenfalls zerstritt er sich mit seiner Familie und lief von nun an bevorzugt nackt durch die Gegend. Er begründete den "Orden der Minderen Brüder", der sich, bettelnd und Buße predigend, ganz dem biblischen Vorbilde Jesu verschrieb. Schon zwei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1226 wurde Franziskus von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Mit einem Heiligen, der zu Lebzeiten auf jede irdische Habe verzichtet hatte, ließ sich sehr gut die eigene Protz- und Verschwendungssucht kaschieren. Von besonderer Tierliebe ist in den frühen Zeitzeugenberichten und Biographien des Franz von Assisi nirgends die Rede. Seine legendäre Vogelpredigt, bei der er eine Schar Vögel mit frommen Worten ermahnt haben soll, Gott allezeit und allerorten zu loben, wurde erst sehr viel später hinzugedichtet. Desgleichen seine berühmte Begegnung mit dem Wolf von Gubbio, einem, wie die Legende sagt, "Thiere von grimmer Wildheit und schrecklicher Größe", das er allein mit dem Kreuzzeichen gezähmt habe. Zum offiziellen "Tierschutzheiligen" stieg Franziskus erst in jüngster Zeit auf. Schon vor knapp 80 Jahren zwar, im Jahre 1931, wurde sein Todestag, der 4. Oktober, zum "Welttierschutztag" ausgerufen, allerdings nicht von der katholischen Kirche, die sich entschieden dagegen aussprach, sondern von einem in Florenz veranstalteten Kongress mit Vertretern von 152 Tierschutzvereinen aus 32 Ländern. Die Kirche zog erst 50 Jahre später nach: Erst 1980 wurde Franz von Assisi per päpstlichem Dekret zum Tierschutz- und Umweltheiligen ernannt. Mit einem Heiligen, der mit den Tieren sprach, ließ sich gut vom eigenen Komplettversagen in der "Wahrung der Schöpfung" ablenken. Noch Mitte des 19.Jhdts. war von Papst Pius IX die Errichtung einer Tierschutzeinrichtung in Rom ausdrücklich verboten worden: Tieren gegenüber gebe es keinerlei moralische oder sonstige Pflicht. Pius IX wurde im Jahr 2000 von Papst Johannes Paul II seliggesprochen.

Ungeachtet der Aufnahme von Tierschutz in das Grundgesetz der BRD vom 17. Mai 2002 – Artikel 20a – gilt der Ge- und Verbrauch von Tieren nach wie vor als völlig "normal": die meisten Menschen betrachten Tiere ausschließlich als Mittel zum Zweck. Es gilt als unhintergehbare Selbstverständlichkeit, dass Tiere für menschliche Nahrung und Kleidung unterdrückt, ausgebeutet, gequält und getötet werden, dass sie für die Erforschung und Testung von Medikamenten oder Kosmetika vergiftet, verbrüht, verbrannt, vergast oder ertränkt werden, dass ihnen Augen, Magen und Haut verätzt, ihre Stimmbänder durchtrennt, ihre Knochen zertrümmert, zersägt, ihre Schädel zerschmettert werden, dass sie von Jägern gehetzt, erschlagen oder erschossen werden, sie zum Gaudium des Menschen in Zoos ausgestellt und in Zirkussen vorgeführt werden, dressiert und zu artwidrigstem Verhalten genötigt, dass sie zu Sport und Freizeitvergnügen jeder Art herhalten müssen... Und das alles nicht nur mit dem Segen der Katholischen Kirche, sondern in ihrem beziehungsweise ihres Gottes ausdrücklichem Auftrag: "Machet sie euch untertan und herrschet...Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere...in eure Hände seien sie gegeben...“

Nicht nur die katholische Kirche, auch die evangelische und jede andere der christlichen Religionsgemeinschaften, desgleichen das Judentum und der Islam in all ihren Ausprägungen, beziehen sich grundlegend auf die biblisch begründete Einzigartigkeit des Menschen als Ebenbild Gottes samt dem daraus hergeleiteten Anspruch des Menschen die Natur zu beherrschen. Es ist das Wesen jeder Religion, den Menschen aus der Natur herauszuheben und ihn – dies die Bedeutung des Begriffes re-ligio -: rückanzubinden an Gott bzw. je nach theologischer Ausrichtung an mehrere und unterschiedliche Götter, an das Göttliche, das Numinose usw. Religion ist immer Ausdruck und Rechtfertigung der Herrschaft von Menschen über Menschen und vor allem: Herrschaft des Menschen über die Natur. Tierbefreiungsarbeit muß insofern immer und grundlegend Religionsbefreiungsarbeit sein, Befreiung von Religion in jeder ihrer Erscheinungsformen. Auch und vor allem von den weichgespülten Formen, wie sie etwa innerhalb der evangelischen Kirche zu beobachten sind, in der zunehmend Tierschutzfragen thematisiert werden. Es geht Gruppierungen wie „AKUT – Aktion Kirche und Tiere“ immer nur um Reformen: um größere Käfige, kürzere Wege zum Schlachthof, schmerzfreiere Tötung usw., nicht aber um die prinzipielle Abschaffung von Unterdrückung und Ausbeutung der Tiere.

Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: ernstzunehmende TierrechtlerInnen sind selbstredend immer auch TierschützerInnen, wenn es darum geht, reales Tierleid bestmöglich und weitestgehend zu mindern, wo Unterdrückung, Ausbeutung und Leid unmittelbar nicht beendet werden können. Die abolitionistische Forderung aber nach Beendigung jedweder Ausbeutung - sprich: die Dekonstruktion der sakrosankten Grenzziehung zwischen Mensch und Tier - tritt dahinter nicht zurück. Klassischer Tierschutz wie etwa AKUT ihn betreibt, der ausschließlich auf Reformismus und/oder nur auf bestimmte Tierarten abstellt, ist aus tierrechtlicher Sicht abzulehnen: er schreibt Tierausbeutung prinzipiell und programmatisch fort. Abgesehen davon entlastet er die Kirchen von Kritik an ihren strukturell tierfeindlichen Positionen, die die ideologische Grundlage abgeben für die herrschenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse, unter denen Myriaden von Tieren weltweit zu leiden haben.. Da ist der „1. Kirchentag Mensch und Tier“, wie er von AKUT für August 2010 in Dortmund geplant ist, nichts anderes als eine Mischung aus - je nach Position - abgründiger Naivität und schreiendem Zynismus; einschließlich der vorgesehenen „Tiermessen“, bei denen gemeinsam für das Wohlergehen der „Mitgeschöpfe“ gebetet wird. Ganz abgesehen davon, dass der AKUT- Kirchentag von den Amtskirchen, die ein paar Wochen zuvor ihren eigenen „offiziellen“ Kirchentag in München abhalten, komplett ignoriert wird. Als Hauptredner des AKUT-Kirchentages sind übrigens Eugen Drewermann, Klaus-Peter Jörns und Barbara Rütting angekündigt, letztere bekannt als Apologetin der rechtslastigen Neuoffenbarungsgemeinschaft „Universelles Leben“ sowie als Propagandistin telepathischer Kommunikation mit Tieren und jedweden sonstigen Esoterikunsinns.

Auch die vermeintlich sehr viel tierfreundlicheren Religionssysteme des Ostens – Hinduismus und Buddhismus in ihren verschiedenen Ausprägungen – erweisen sich bei näherer Hinsicht als ebenso fatal für das Tier wie die mosaischen Religionen. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, es ließen sich den judäo-christlichen Vorstellungen des Menschen als Abbild eines.gewalttätigen Alleinherrschergottes und damit als “Herren der Welt” die Vorstellungen östlicher Religionssysteme als nachgerade vorbildlich, wie etwa Schopenhauer meinte, gegenübersetzen. Tatsache ist: Der Hinduismus unterscheidet sich in Hinblick auf Unterdrückung und Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere in nichts von den judäo-christlichen Traditionen: ungeachtet etwa der kultischen Verehrung der Kuh bietet der Hinduismus realen Rindern keinerlei Schutz. Auch der Umstand, dass ein paar der zahllosen Hindu-Gottheiten mit Tierköpfen dargestellt werden, Ganesha etwa mit Elephantenkopf, Nandi mit Stier- oder Hanuman mit Affenkopf, besagt keineswegs, dass die entsprechenden realen Tiere respektvoll zu behandeln seien oder behandelt würden. Tiere, die keine Repräsentanz im Hindu-Pantheon haben, gelten ohnehin als Sache, mit der der gläubige Hindu nach Belieben und Willkür verfahren kann. Der vermeintlich höhere Stellenwert, der dem Tier in den östlichen Religionssystemen zugebilligt wird – es gilt dies auch für den Buddhismus in all seinen Erscheinungsformen -, resultiert aus den metaphysischen Konstrukten von Karma und Wiedergeburt, der Vorstellung also, dass Menschen irgendwelcher Vergehen wegen im nächsten Leben in der niederen Gestalt eines Tieres wiedergeboren werden können, als welches sie nicht nur vielfältiges Leid zu erdulden haben, sondern vor allem keine Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten erlangen können: nur der Mensch kann sich ins erstrebte Nirvana auflösen. Es kann also jedes Tier prinzipiell ein karmisch zurückgestufter Mensch sein, dem und nur dem gegenüber das ausschließlich anthropozentrisch und ansonsten völlig abstrakt verstandene Nicht-Tötungsgebot des Ahimsa gilt. Im Übrigen ist der buddhistischen Lehre zufolge nur das Töten selbst verboten. Sofern ein gläubiger Buddhist ein Tier, das er zu verzehren oder anderweitig zu verwerten gedenkt, nicht selbst und mit eigener Hand tötet, befindet er sich allemal in Einklang mit den Geboten der Lehre. Um das Tier als Tier geht es prinzipiell nicht. Das gleiche gilt im Übrigen auch für die sogenannten Naturreligionen, denen ein ungeteiltes Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Mensch und Tier nachgesagt wird. Die Besänftigung der Naturgeister freilich oder die kultische Verehrung eines Totems – in der Regel auf dem Wege tierlicher Opfergaben - dient zu nichts anderem, als dass der Mensch sich selbst gefahrlos der Natur bedienen bzw. sie sich nutzbar machen kann.

Zurück zu den Menschenaffen. Zeitgleich mit der Ankunft der ersten Schimpansen in Europa sah der französische Jesuitenschüler und Philosoph René Descartes sich berufen, die Sonderstellung des Menschen in der Natur naturwissenschaftlich zu untermauern. Er tat dies, ganz im Geiste seiner Zeit, unter enormen philosophischen Verrenkungen, sprich: in nachgerade groteskem Widerspruch zu seiner eigenen durchaus fortschrittlichen Erkenntnistheorie, die nur zu akzeptieren vorgibt, was durch Analyse und Reflexion verifiziert werden kann. In seiner berühmten Abhandlung über die Methode des rechten Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, in der er mithin eben diese Erkenntnistheorie vorstellt, suchte er in einem eigenen und völlig aus dem Rahmen fallenden Kapitel nachzuweisen, dass Tiere „nicht nur weniger Vernunft als die Menschen, sondern gar keine haben“, und zwar anhand der Unfähigkeit von Tieren so zu sprechen, dass der Mensch sie versteht. Es sei doch höchst bemerkenswert, wie er schreibt, „dass es keine so stumpfsinnigen und dummen Menschen gibt..., die nicht fähig wären, verschiedene Worte zusammenzuordnen und daraus eine Rede zu bilden, wodurch sie ihre Gedanken verständlich machen; wogegen es kein anderes noch so vollkommenes und noch so glücklich veranlagtes Tier gibt, das etwas Ähnliches tut...Und da man unter den Tieren ebenso wie unter den Menschen Ungleichheit findet...so ist es unglaublich, dass ein Affe oder Papagei, die zu den vollkommensten ihrer Art gehören, darin nicht einem der dümmsten Kinder oder wenigstens einem Geisteskranken gleichkommen würden, wenn ihre Seele nicht von einer ganz anderen Natur wäre als die unsrige“. Er setzte Tiere insofern mit Automaten gleich, deren Bewegungen rein mechanischen Gesetzen folgten, ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ohne Gefühl. Auffällig, wie er schreibt, sei überdies, „dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass ebendieselben Tiere in vielen Handlungen gar keine zeigen; so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist beweist...sondern vielmehr, dass sie keinen Geist haben und allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe handelt. Man sieht ja auch dass ein Uhrwerk, das bloß aus Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit all unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ Gäbe es Automaten, so Descartes, die die Organe oder die äußere Gestalt eines Affen oder eines anderen vernunft- und gefühllosen Tieres besäßen, so wären diese Automaten in nichts von jenen Tieren zu unterscheiden. Nur der Mensch, gleichwohl auch er mechanisch konstruiert, verfüge über Sprache und Vernunft als Universalinstrumente des Handelns, die nicht an die Disposition der Organe gebunden seien. Nur er sei insofern gottebenbildlich, herausgehoben aus der Natur und frei in seinen Entscheidungen und seinem Tun. Als Vivisektor „demontierte“ Descartes Organ für Organ seiner Versuchstiere, gerade so wie ein Uhrmacher das Räderwerk einer Uhr auseinandernimmt. Die Schmerzensschreie der bei lebendigem Leibe sezierten Tiere bedeuteten ihm nicht mehr als das „Quietschen eines Rades".

Gleichwohl Descartes Auffassung in diametralem Gegensatz stand zu seinem eigenen erkenntnistheoretischen und rationalen Anspruch, wurde sie, kolportiert von Talar- und Soutanenträgern jeder Coleur, zur Grundlage aller modernen Wissenschaft, die in irgendeiner Form mit dem Tiere zu tun hat. Zentrales Diktum: Tiere können nicht denken, nicht fühlen, nicht leiden, der Mensch kann insofern, ganz im Sinne des biblischen Unterjochungs- und Ausbeutungsauftrages aus dem 1. Buch Moses, mit ihnen tun und lassen, was ihm beliebt. Gerade den Kirchen kamen Descartes, desgleichen Spinoza, der entgegen seiner sonstigen und wichtigen Beiträge zur Aufklärung insofern ganz ähnliche Gedanken vertrat, sehr gelegen, vor allem in der zu Beginn des 18. Jhdts. aufkeimenden und zunehmend sich verschärfenden bzw. in aberwitzigsten Behauptungen und Gegenbehauptungen sich verheddernden Diskussion, die aufgeklärte Denker wie Leibnitz oder Hume mit ihren ersten Versuchen vom Zaune brachen, die bislang dogmatisch vertretenden, d.h. völlig unhinterfragt geltenden Ansichten über das Verhältnis Mensch-Tier mit neuen, nunmehr empirisch gewonnenen Einsichten und Erkenntnissen zu verknüpfen. Anhand der mittlerweile in zahlreichen Tiersammlungen und Menagerien anzutreffenden Schimpansen wurde die Diskussion stetig vorangetrieben, bekämpft mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von den Vertretern der „alten Ordnung“. Die Großen Menschenaffen - ab Mitte des 18. Jhdts. kamen erstmalig auch Orang Utans und Gorillas nach Europa – blieben in Gefangenschaft in der Regel nicht lange am Leben, viele starben kurz nach ihrer Ankunft, die meisten schon während der Schiffspassage. Ihre toten Körper wurden in der Regel zerstückelt und in Spiritus eingelegt, auch ausgestopft oder skelettiert, und reisten als Anschauungs- und Studienmaterial quer durch Europa. Dazu entwickelte sich eine eigene Sparte an Tiermalern, deren Bilder ebenfalls in ganz Europa kursierten. Menschenaffen waren insofern allgegenwärtig.

1758 sorgte der schwedische Naturhistoriker Carl von Linné mit der zehnten Auflage seiner immer wieder überarbeiteten Systema Naturae für ein Erdbeben sondergleichen in der abendländischen Welt: er hatte es gewagt, in seiner – bis heute bestehenden und gültigen – Taxonomie der Arten die „Großen Affen“ aufgrund deren unabstreitbarer anatomischer und physiologischer Ähnlichkeit zum Homo sapiens der gleichen Familie der „Hominidae“, der Menschenartigen, zuzuordnen. Es hatte dies Linné selbst in schweren Zwiespalt gestürzt: er war zugleich Wissenschaftler wie auch – in seiner Zeit nicht anders denkbar - rechtschaffener Christenmensch. Er löste das Dilemma in der von Descartes herabgekommenen Behauptung, es gebe eine nicht-anatomische Eigenschaft, die den Menschen trotz aller Nähe zu den Menschenaffen diesen unermesslich überlegen mache: seine über alle Natur erhabene Vernunft. Gleichwohl Linné mit diesem - wenn man soll will: scholastischen -Winkelzug seine Erkenntnis der gleichen Familienzugehörigkeit von Mensch und Menschenaffe enorm abschwächte, wenn nicht aufhob, sah seine Taxonomie sich doch vehementester Anfeindung ausgesetzt. Eine seiner größten Kritiker war der Göttinger Zoologe Johann Friedrich Blumenbach, der der Verletzung der geheiligten Trennlinie zwischen Mensch und Tier heftig widersprach und nicht nur eine eigene - falsche - Taxonomie aufstellte, sondern mit der Zuweisung eines lateinischen Artennamens an den Schimpansen diese Trennlinie in einer Weise nachzog, wie es deutlicher und schärfer nicht ging. Bis dahin waren Schimpansen als „Indische Satyrn“ bezeichnet worden – Satyrn sind ungehobelte Waldschrate aus der griechischen Mythologie –, aber eben auch als Schimpansen, nach dem in Ostkongo gebräuchlichen Bantubegriff „kivili-chimpenze“, was schlicht „Affenmensch“ bedeutet.

Blumenbach gab dem Schimpansen den Namen Pan troglodytes, wie er bis heute wissenschaftlich heißt. Troglodyt ist ursprünglich der griechische Begriff für Höhlenbewohner, übertragen galt er im Bürgertum des 18. und 19.Jhdt. als verächtliche Bezeichnung für Menschen mit ausgeprägt schlechtem, unkultiviertem Benehmen. Pan, der Gattungsbegriff selbst für die Schimpansen, wurde nach Pan dem griechischen Gott der ungebändigten Natur gewählt, der, über und über behaart und mit meist erigiertem Phallus durch die Wälder zog und die Menschen, die seiner ansichtig wurden, darob in panischen Schrecken versetzte - daher der Begriff Panik. Mit dem Gattungsnamen Pan wurde der Schimpanse zum „ganz Anderen“ erklärt, zum Inbegriff des verfemt „Animalischen“, des „Leibhaftigen“, all dessen, was judäo-christliche Zivilisation und Kultur seit je zu unterdrücken und zu beherrschen suchten: nämlich Sexualität und Eros. Der griechische Gott Pan, seiner Dauergeilheit wegen im hellenischen Mythos stets mit Bockshörnern und Bocksfüßen dargestellt, wurde im christlichen Mittelalter als Vorbild für die von den Scholastikern neuerfundene Gestalt des Teufels herangezogen. Nun war das Böse leibhaftig da: in Gestalt des Schimpansen, der insofern dringend weggesperrt werden musste, am besten hinter doppelte Gitterstäbe, wo das Bürgertum ihn dann aus gebührendem Abstand und mit wohligem Schauer begaffen konnte. Pan troglodytes: alleine im Namen doppelt geächtet, doppelt abgewertet, doppelt verandert.

Dem Dilemma Linnés, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in Einklang zu bringen mit der herrschenden Doktrin des christlichen Abendlandes einer gottgegebenen und gottgewollten Vorrangstellung des Menschen über alle Natur, unterlag 100 Jahre später auch Charles Darwin, der zeit seines Forscherlebens damit zu kämpfen hatte. Nicht zuletzt hatte er vor seinen naturwissenschaftlichen Studien ein komplettes Theologiestudium absolviert. Bereits 1838 hatte Darwin einen ersten Entwurf seiner Theorie über die Entstehung der Arten erstellt, aber erst mehr als 20 Jahre später, 1859, getraute er sich, seine Arbeiten zu veröffentlichen, deren zentrale Aussage die der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen war. Während in Wissenschaftskreisen die Tatsache der Evolution – mithin gemeinsamer Vorfahren von Menschenaffen und Menschen - relativ schnell und so gut wie universell akzeptiert wurde, stieß sie – und stößt bis heute – in fundamentalreligiösen Kreisen auf erbitterten Widerstand. Auch ins Alltagsbewusstsein ist sie längst noch nicht eingedrungen.

Daran haben auch all die ethologischen Befunde nichts geändert, die seit den 1960er Jahren – Jane Goodall und Biruté Galdikas vorneweg – über das Leben von Primaten in freier Wildbahn zusammengetragen wurden: dass sie tradierte Formen von Kultur haben, einschließlich der Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen oder bei Krankheiten bestimmte Heilkräuter einzusetzen; dass sie Ich-Bewußtsein haben samt einer Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft; dass sie über kognitive, soziale und kommunikative Fähigkeiten verfügen, die sich von denen des Menschen allenfalls graduell unterscheiden und emotional genau so empfinden wie dieser. Ebensowenig bewirkt haben die Befunde der modernen Genetik, die es naturwissenschaftlich unhaltbar machen, überhaupt zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden: die Erbgutunterschiede etwa zwischen Mensch und Schimpanse bewegen sich im Promillebereich.

Psychologisch ist das anders: „Affen sind den Menschen nahe“, so der Primatologe Volker Sommer, „aber die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma: Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet. Sie gelten jedoch zugleich als hinreichend verschieden von uns, so dass ihnen keine Rechte zustehen.“ Das 1993 von Peter Singer, Paola Cavalieri und einer Reihe weiterer hochrenommierter Wissenschaftler und Philosophen ambitioniert gestartete Great Ape Projekt, dessen Ziel es war und ist, den Großen Menschenaffen Persönlichkeitsstatus zuzusprechen, der ihnen das Recht auf Unverletzbarkeit von Leib und Leben sowie das Recht auf individuelle Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen ihrer natürlichen Anlagen garantiert, ist nach einem ersten Erfolg von 1999 – Neuseeland verbot per Gesetz sämtliche Experimente an Menschenaffen – und einem weiteren aus dem Jahre 2007 – die Inselgruppe der Balearen als insofern autonome Region Spaniens beschloß umfassenden gesetzlichen Schutz der Menschenaffen – praktisch zum Erliegen gekommen. Ob sich etwas in Bewegung setzt über das seit 2007 vor österreichischen Gerichten und derzeit beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anhängige Verfahren zur Klärung der Frage, ob einem im Wiener Tierschutzhaus lebenden Schimpansen namens Hiasl Personenstatus und damit subjektive Rechte zuerkannt werden müssen oder nicht, bleibt abzuwarten. In der Bundesrepublik gibt es jedenfalls keinerlei Anlaß zu Optimismus: Keine der im Bundestag vertretenen Parteien setzt sich ernsthaft für Schutz der Primaten im Sinne des Great Ape Project ein. Sämtliche Parteien befürworten weiterhin Tier- und insbesondere Affenversuche, CDU/CSU ausdrücklich auch Versuche an Menschenaffen. Lediglich Die Linke tritt für ein konsequentes Verbot sämtlicher Affenversuche ein.

Zur Frage im Übrigen, was den Einsatz gerade für Menschenaffen rechtfertigt, durch deren allfälligen Einbezug in die Rechtsgemeinschaft der Menschen sich nur die Grenzlinie verschöbe und nun Menschen und Menschenaffen auf der einen von allen anderen Tieren auf der anderen Seite trennte, woraus letztere keinerlei Nutzen bezögen, ist in aller Pragmatik zu sagen: irgendwo muß man anfangen. Zudem stellen Menschenaffen den Dreh- und Angelpunkt des Verhältnisses Mensch-Natur dar, sie definieren wie nichts und niemand sonst die sakrosankte Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie festgeschrieben „auf der anderen Seite“, sind das alle anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze durchlässig, könnte das einen Dammbruch auslösen, der letztlich allen Tieren zugute käme; ganz abgesehen davon, dass mit dem primatologischen Diskurs eng auch andere macht- und herrschaftskritische Diskurse – Geschlechterfrage, Rassismus, Postkolonialismus etc. – verknüpft sind.

Was genau prägt eigentlich die Sicht des heutigen Durchschnittsbürgers auf Schimpansen, Orang Utans und Gorillas? Schimpansen gelten als Sympathieträger, man kennt sie aus dem Zoo oder dem Zirkus, wo sie als die geborenen Spaßmacher erscheinen, in letzterem oft kostümiert mit Röckchen oder Livree. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an den berühmten Petermann aus dem Kölner Zoo, einen Schimpansen, dem man eine bunte Gardeuniform anzog, damit er bei Karnevalssitzungen der umjubelte Star des Elferrates sein konnte. Im niederbayerischen Straubing gab es in den 1960ern einen Schimpansen namens Jimmy, den der damalige Zoodirektor regelmäßig ins Caféhaus mitnahm, wo er ihn zum Gaudium der anderen Gäste Bier trinken und Zigarren rauchen ließ. Was also wissen wir von Schimpansen? Im Grunde gar nichts. Das einzige, was im Bewusstsein hängen bleibt, sind Zerrbilder, Klischees und lächerliche Karikaturen, die mit frei lebenden Schimpansen nicht das Geringste zu tun haben.

Auch wenn Zoos gerne behaupten, es gebe kaum einen anderen Lernort, an dem man Natur besser beobachten und verstehen lernen könne, als gerade einen Zoo, ist das genaue Gegenteil der Fall: Zoos eignen sich zu nichts weniger, als einen sinnfälligen Bezug zur Natur herzustellen. Gerade deshalb fällt den Besuchern ja auch das Leid der eingesperrten und zur Schau gestellten Tiere nicht auf. Und genau darum geht es: all die Zerrbilder und Klischees, die der Besucher im Zoo vorgeführt bekommt, dienen dazu, eins-zu-eins die alttestamentarisch grundgelegte und über Descartes und Spinoza herabgekommene Doktrin zu bestätigen, dass der Mensch dem Tiere – hier dem Affen – unermesslich überlegen sei und sich seiner insofern nach Belieben bedienen könne, und sei es nur zum persönlichen Gaudium. Nicht umsonst zählt der sonntagnachmittägliche Besuch des örtlichen Zoos mit Kindern und Enkelkindern zum absolut unverzichtbaren pädagogischen Standardprogramm.

Hand in Hand mit dem über Zoos vermittelten Bild des Schimpansen geht jenes, das uns - mit Ausnahme weniger Dokumentarfilme - in Kino- und TV-Produktionen vorgeführt wird. Auch Filmschimpansen sind immer zu Späßchen aufgelegt, ob nun Cheeta aus den Tarzanfilmen, Judy aus Daktari oder „Unser Charly“ aus der gleichnamigen ZDF-Vorabendserie: stets gut gelaunt, schelmisch, Charly immer mit lustiger Latzhose oder mit Bermuda-Shorts; dazu intelligent, hilfreich, zuverlässig, dem Menschen gegenüber absolut loyal und diesem im Zweifelsfall weit mehr zugeneigt als den eigenen Artgenossen oder sonstigen Tieren. Teil der kollektiven Erinnerung sind auch die Schimpansen Ham und Enos, die 1961 im Dienste der Menschheit mit einer US-Mercury-Rakete ins Weltall geschossen wurden: die Bilder der Schimpansen in der Raumkapsel gingen um die Welt.

Nicht zu vergessen Planet der Affen von 1968, neben Star Wars erfolgreichster Science-Fiction-Film aller Zeiten mit fünf Nachfolgefilmen, zwei eigenen TV-Serien, einer Comicheftserie sowie einem Remake von 2001. Worum es geht: Ein Forschungsraumschiff der Erde landet mit Hilfe von Zeitdilatation und bei künstlichem Tiefschlaf der Astronauten 2000 Jahre in der Zukunft auf einem fremden Planeten. Die drei Astronauten treffen bei ihrer Erkundung des Planeten auf steinzeitliche Menschen. Plötzlich tauchen bewaffnete Affen auf, die Treibjagd auf diese Menschen machen und auch die drei Astronauten gefangen nehmen. Es zeigt sich, dass auf dem Planeten – Umkehr der Verhältnisse – die Affen die herrschende Spezies sind: die Menschen werden gejagt, versklavt, nach Belieben auch getötet. Die Affengesellschaft erweist sich als theokratische Diktatur, die zudem in rassische Kasten unterteilt ist: Die Orang-Utans stellen den herrschenden Klerus, Gorillas das Militär, Schimpansen das Bürgertum. Menschen dienen als Arbeitssklaven. Einem der Astronauten gelingt es kraft seiner überlegenen Intelligenz, den Affen zu entfliehen, wobei er sich der Zuneigung einer Schimpansenfrau bedient, die ihm bei der Flucht hilft. Nach seiner Flucht hat er keinerlei Skrupel, mit Waffen aus dem Raumschiff gegen die Affen vorzugehen, auch gegen jene, die ihm zur Flucht verholfen haben. Letztlich stellt sich heraus, dass das Raumschiff auf der Erde der Zukunft gelandet war, auf der nach einem Atomkrieg die Affen die Herrschaft übernommen und die übriggebliebenen Menschen versklavt hatten. Der zunächst durchaus als gesellschaftskritische Parabel daherkommende Plot – die Umkehr der Machtverhältnisse Mensch-Affe - hält diese Linie nicht lange durch. Held ist und bleibt stets der Mensch, der sich erfolgreich gegen die Übermacht der Affen durchsetzt. Diese erscheinen durchwegs als korrupt, faschistoid, bigott und vor allem: als intellektuell äußerst beschränkt, dem menschlichen Helden insofern chancenlos unterlegen. In den nachgeschobenen Folgen des Films treten die sozialkritischen Aspekte, sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, komplett in den Hintergrund, da geht es nur noch um Kampf „Affe gegen Mensch“, ein Kampf, den letztlich immer – weil grundsätzlich - der Mensch gewinnt.

Auch das Bild des Gorillas entstammt zunächst dem Zoo, wo man ihn eingesperrt hinter dicken Eisengittern und Panzerglas besichtigen kann. Aus dem Zirkus kennt man ihn weniger, seiner enormen Körperkraft wegen, woraus wir lernen: Gorillas sind gefährlich. Nicht umsonst werden die Leibwächter von Unterweltgrößen seit je als „Gorillas“ bezeichnet, in diametralem Gegensatz zur ausgesprochenen Unaggressivität und Friedfertigkeit wirklicher Gorillas. Man kennt Gorillas auch aus Film und Fernsehen, vorneweg durch King Kong, den Klassiker schlechthin des Monsterfilmgenres, dessen Original von 1933 zu den meistgesehenen und meistkopierten Filmen aller Zeiten zählt. Ein großer schwarzer Affe entblättert eine blonde weiße Frau: die für die abendländische Kultur nachgerade archtetypische Projektionsgeschichte von Rassismus, Sexismus und Speziesismus, alles in einem. Kong, der Inbegriff des Leibhaftigen, von den Eingeborenen seiner Insel in der Südsee als Gott verehrt, wird von einer Expeditionscrew betäubt, gefangengenommen und nach New York gebracht, um dort als „Achtes Weltwunder“ ausgestellt zu werden. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien und auf das Empire State Building zu klettern, wird er von Flugzeugen aus von diesem Phallussymbol der zivilisierten weißen Männerwelt heruntergeschossen. Wir lernen: selbst der größte und stärkste aller Gorillas ist ein looser, wenngleich ein unterschwellig bedauernswerter, gegen die haushohe Überlegenheit des Homo sapiens. Das cineastische Rührstück Gorillas im Nebel von 1988, das den Lebensweg der Gorillaforscherin Dian Fosseys nachzeichnet, die 1967 in Ostafrika ermordet wurde, ändert an diesem Bild überhaupt nichts, zumal der Film komplett absäuft in seiner eigenen Sentimentalität und im Pathos für Fossey. Von Orang Utans wird ein genauso verzerrtes Bild gezeichnet: In Planet der Affen repräsentieren sie die korrupte Priester- und Politikerkaste. Und selbst in dem harmlosen Disney-Trickfilm Das Dschungelbuch ist der Orang Utan auf hinterhältige Weise hinter der Vormachtstellung im Dschungel her: Affenkönig King Louis, der nicht umsonst den Namen des französischen Sonnenkönigs trägt.

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle der Schimpanse Rotpeter aus Franz Kafkas Bericht an eine Akademie von 1917. Kafka läßt Rotpeter über seine Gefangennahme durch eine Hagenbecksche Tierfangexpedition berichten. Um nicht in den Zoo gesperrt zu werden, so berichtet er, habe er schon auf der Schiffspassage nach Hamburg begonnen, die Menschen zu beobachten. Er habe menschliche Verhaltensweisen und Gesten erlernt, auch die menschliche Sprache und so bald die Durchschnittsbildung eines Europäers erworben. Dennoch, auch nach dem Bericht, den er vor der Akademie über seine Menschwerdung vorträgt, bleibt er für die Öffentlichkeit nichts als ein dressierter Affe. Unabhängig von den üblichen Interpretationen, die Kafkas Stück als Parabel über die letztlich erfolglosen Anpassungsversuche des jüdischen Volkes in Europa deuten: Kafka kannte die Tierfangexpeditionen Hagenbecks, er kannte nachweislich auch einen dressierten Schimpansen namens „Konsul Peter“, der in einem Prager Varieté auftreten musste. Die Interpretation ist zumindest nicht abwegig, dass es in seiner Erzählung ganz konkret auch um Kritik an der kompletten Ignoranz des Bildungsbürgertums der Darwinschen Evolutionstheorie gegenüber ging, die Tierschauen a la Hagenbeck oder Varietés wie das in Prag zuließ.

Was sagt uns dieser kurze Streifzug durch die Kulturgeschichte des Verhältnisses Mensch-Menschenaffe? Dass sich für letzteren seit seinem ersten Auftauchen in Europa Mitte des 17. Jhdts. en gros nichts geändert hat. Und für ersteren, dass er offenbar gefangen ist in der Matrix einer psycho- und soziokulturellen Tradition, aus der es - wie im gleichnamigen Science-Fiction-Thriller der Wachowski-Brothers - kein Entrinnen gibt. Nach wie vor sitzen unsere „engsten Verwandten“ gefangengehalten in Zoos oder Zirkus, begafft, belacht, ihrer Freiheit, Selbstbestimmung und Würde beraubt, oder, schlimmer noch: in einem der pharmazeutischen Versuchslabors, auf unsagbare Weise gequält, ausgenutzt und ausgeschlachtet bis zum letzten. Allein das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen hat regelmäßig 1300 Affen unterschiedlicher Art in Gewahrsam, die der „biologischen und medizinischen Forschung“ dienen.

Bis heute ist dieser Umgang mit unseren „engsten Verwandten“ völlig legitim, legal sowieso, letztlich handelt es sich ja „nur um Tiere“. Und mit diesen kann man, wie Spinoza vor 350 Jahren das seit je und bis heute herrschende kollektive Bewusstsein des judäo-christlichen Abendlandes auf den Begriff brachte, „nach Belieben verfahren und sie so behandeln wie es uns am besten passt“.